Inhalt dieser Ausgabe /
Content of this issue






Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (2)



Katholizismus und indigene Religion -
traditionelle Geistheiler auf Siquijor

Dirk Schlottmann

 

 

Zusammenfassung

Der Begriff Schamanismus ist in der Moderne zu einem Synonym für unterschiedlichste "spirituelle Wellnessprogramme" geworden, die schamanische Traditionen in indigenen Kulturen auf die Funktion des Heilers beschränken. Am Beispiel der Mananambal in Siquijor wird deutlich, dass man bereits im lokalen Kontext nicht immer gemeinsame Handlungsziele, Sozialbeziehungen, Vorstellungswelten oder Organisationsstrukturen unterstellen kann. Die Etikettierung der indigenen Traditionen ist von daher unter ethnologischen Gesichtspunkten irreführend und trägt nicht zum Verständnis fremder Kulturen bei. Ein differenzierter Blick auf spirituelle Traditionen erfordert die Analyse indigener Begriffe, um der Komplexität des kulturell Anderen gerecht zu werden.

Schlüsselwörter: Schamanismus, Siquijor, spirituelle Heiler, mananambal, Spiritualität


Abstract

In modern times the term shamanism has become a synonym for various "spiritual wellness programs" that restrict the shamanic traditions of indigenous cultures to the function of healing. The example of the Mananambal in Siquijor shows that already in the local context one can not always assume joint action goals, social relationships, imaginary worlds or organizational structures. The labeling of the indigenous traditions is, under an ethnological point of view, misleading and does not contribute to understanding foreign cultures. A close look at spiritual traditions requires the analysis of indigenous terms to mirror the complexity of the cultural Other.

Keywords: Shamanism, Siquijor, spiritual healers, mananambal, spirituality



Siquijor ist eine Insel[1], berühmt für ihre spirituellen HeilerInnen (mananambal) und Kräuterkundigen (albularyo), die mit unterschiedlichsten Methoden Unglück, Krankheit und Lebenskrisen behandeln. Gleichzeitig ist sie gefürchtet für ihre HexerInnen (mambabarang), die der Insel den Ruf eines "verwunschenen Paradieses" eingetragen haben.

 



Abb. 1: Annie Ponce, Tochter des berühmten mananambal
Lolo Juan Ponce, während eines Heilrituals

 

In Reisebeschreibungen und auch in Forschungsberichten werden diese verschiedenen Typen spiritueller Heiler immer wieder unter dem Terminus "Schamane" zusammengefasst. Das ist das Ergebnis des Versuchs der Insel Siquijor ein neues Image zu verpassen, bei dem Wellness und Gesundheit im Mittelpunkt stehen. Unter touristischen Gesichtspunkten soll Siquijor in ein neues Bohol mit mystischem Flair verwandelt werden. Schaut man sich die Zahlen der diesjährigen Besucher der "Holy Week"[2] an, die mit 13320 Besuchern[3] einen neuen Höchstwert erreicht haben, dann scheint die Strategie aufzugehen. Das Interesse an lokaler, alternativer Medizin (Kräuterkunde), deren Herstellung vor Ort beobachtet werden kann und die in Form von Ölen und Tinkturen zum Verkauf stehen, ist groß.

 

In dieses Vermarktungskonzept passt die esoterische Idee des "heilenden Schamanen", obwohl die Beschränkung des Schamanen auf einen „Heiler“ dem Phänomen des Schamanismus nicht gerecht wird und unter ethnologischen Gesichtspunkten irreführend ist. Gleichzeitig wird mit dieser Etikettierung den indigenen Traditionen ein Korsett verpasst, dass den verschiedenen Aspekten spiritueller siquijorianischer Tradition nicht entspricht.

 

Ohne Zweifel verwenden die mananambal traditionelle Methoden bei der Behandlung von Krankheiten, die sich auch in anderen schamanischen Gesellschaften finden und es werden unterschiedlichste Formen von Geistkontakt beschrieben, aber das macht sie nicht zu Schamanen. Der Ausgangspunkt dieser These ist meine Definition von Schamanismus, die sich, trotzdem es der Wissenschaft bis heute nicht gelungen ist die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Schamanismus in einer Definition zusammenzufassen, an den wichtigsten, allgemein anerkannten, zentralen Merkmalen orientiert:

 

Schamanen sind Männer oder Frauen, die in der Lage sind durch einen ekstatischen Bewusstseinszustand direkten Kontakt mit Geistern, Kräften der Natur oder transzendenten Energien herzustellen. Dieser Kontakt wird bewusst herbeigeführt und kann in Form einer Seelenreise aber auch durch Besessenheit erreicht werden.

 

Der Kontakt mit dieser anderen Welt geschieht auf Wunsch einer Gemeinschaft, die aufgrund ihrer Weltauffassung und ihrer kosmologischen Vorstellungen davon ausgeht, dass die Welt der Geister Einfluss auf ihr „materielles Dasein“ hat. Der Kontakt wird von der Gemeinschaft nur dann gewünscht, wenn die Normalität des Lebens durch transzendentale Mächte in ein Ungleichgewicht geraten ist.

 

Der Schamane übt Kontrolle über einen oder mehrere Geister aus und wird nicht von den Geistern kontrolliert. Der kontrollierte Kontakt dient dem Ziel, Ursachen für Missstände zu erkennen und dieses Wissen, das zur Lösung des Problems nötig ist, zu erlangen.

 

Die Initiation von Schamanen ist ein existenzieller Transformationsprozess, der auf individueller Ebene in Form von zwingenden Berufungserlebnissen, oft in Form einer Krise, durchlebt, gemeistert und durch anschließende öffentliche Akzeptanz bestätigt wird. Das Treffen von Geistern bzw. die Identifikation der Hilfsgeister in einem veränderten Bewusstseinszustand und die daraus resultierende öffentliche Anerkennung des neuen Schamanen sind zwei wesentliche Merkmale, die diesen Transformationsprozess kennzeichnen.[4]

 

Die Vielzahl der HeilerInnen auf der relativ kleinen Insel und der Variantenreichtum der Behandlungsmethoden[5] erschweren eine allgemeingültige Aussage, aber in keinem mir bekannten Fall sind Besessenheitsphänomene oder Trancereisen beschrieben. Sie sind, um hier auf die Definition mit dem kleinsten Nenner von Mircae Eliade zurückzugreifen, keine "Spezialisten der Ekstase". Zudem sind Berufungserlebnisse eher selten und Initiationen, die in einem sozialen Kontext zur Anerkennung des Schamanen führen, nicht bekannt. Gesellschaftlich relevante Initiationsrituale spielen für die "Karriere" des mananambal  keine Rolle. Der Bekanntheitsgrad eines mananambal definiert sich über die Anwesenheit von Gästen und Anhängern, die sich in der "Holy Week" an Ostern bei ihnen einfinden und über die Erfolgsbilanz. Spirituelles Wissen und berufsbezogene Kenntnisse werden in der Familie weitervererbt und gelehrt. Dabei muss es sich nicht unbedingt um konsanguinale Verwandte handeln.

 

Betrachtet man die unterschiedlichen Ritualpraktiken auf Siquijor, lassen sich verschiedene Gemeinsamkeiten erkennen, die verdeutlichen, dass das religiöse Weltbild der HeilerInnen in der Regel der typische philippinische Synkretismus aus iberischem Katholizismus und lokalen, indigenen Vorstellungen ist.

 

Die meisten mananambal beschreiben sich selbst als gottesfürchtige Katholiken und verstehen ihre Arbeit als unmittelbares Ergebnis einer "Gnade Gottes". Ein christlich geprägter Symbolismus (Kreuze als unheilabwendende Amulette, auf die Knie gehen, Kreuz schlagen) und christliche Ikonen dominieren ihre Rituale. Heilrituale werden, losgelöst von christlicher Norm, als Ausdruck der Frömmigkeit verstanden und selbstverständlich gelebte Religion erfahren. Das gemeinsame Gebet nach einer Zeremonie ist Ausdruck dieser verbindenden Gemeinsamkeit.[6] Der Ursprung des spirituellen Wissens und die Hilfe bei der Durchführung von Heilritualen wird einem christlichen Gott zugeschrieben. Einige mananambal kommunizieren als Medium mit ihren gläubigen Anhängern. Neben dem Kontakt zu Heiligen kommt in solchen Situationen auch die traditionelle Ahnenverehrung zum Tragen.

 

HexerInnen, die sich okkulter Praktiken bedienen, orientieren sich an katholischen Glaubensvorstellungen von Leid und Tragik. Sie beschreiben ihre spirituellen Helfer als verlorene Seelen (Bsp. Selbstmörder)[7] oder andere spirituelle Entitäten (Dämonen) aus dem Schattenreich christlicher Jenseitsvorstellungen.

 

Im Kontext dieses Weltbildes existiert zudem noch das Reich der Geister. Geister entstammen keinem biblischen Kontext, sondern sind Wesen aus traditionellen Mythen und der einheimischen Folklore. Diese Wesen leben oder beseelen die Umwelt der Insel. So soll beispielsweise der berühmte "balete tree" (Ficus benghalensis auch bekannt als Bengalische Feige) Sitz verschiedenster Geister: aswan (eine Art Vampir mit einer Vorliebe für schwangere Frauen), diwata (unruhige Geister oder Feenwesen, die in Bäumen wohnen und über ihre Lokalität wachen), duwende (launische Gnome oder Zwerge, die gut oder böse sein können), ekek (blutdurstige anthropomorphe Vogelwesen) oder kapre (eine Art zigarrerauchender bigfoot).[8]



Abb. 2: Dieser riesige, berühmte "balete tree" (Ficus benghalensis, auch bekannt als Bengalische Feige), um den sich zahlreiche Geschichten ranken, gilt als Sitz verschiedenster lokaler Geister.

 

Es ist offensichtlich, dass es sich bei den "Heilern von Siquijor" um Personen handelt, die vorgeblich einen Kontakt mit einer spirituellen Welt pflegen, die sich aus Göttern, Heiligen, Ahnen, Geistern und anderen spirituellen Entitäten zusammensetzt. Die traditionelle Namensgebung für verschiedene Typen von Heilern erlaubt einen differenzierteren Blick auf die spirituellen Traditionen und veranschaulicht, dass die indigene Perspektive auf diese Berufsgruppe vorrangig durch christliche Aspekte bestimmt wird. Da es sich auf der Insel Siquijor um eine sehr abwechslungsreiche und komplexe Kultur von HeilerInnen und Kräuterkundigen mit vielen Facetten handelt, halte ich es unter ethnologischen Gesichtspunkten für wichtig, die indigenen Begriffe aufzugreifen. Die verschiedenen lokalen Traditionen unter der Bezeichnung "Schamanismus" zusammenzufassen, verwischt die Grenzen und trägt nicht zum Verständnis der Kultur bei.



Mambabarang

Mambabarang sind gefürchtete HexerInnen, die von einer Person angeheuert werden, um Kraft ihrer magischen und spirituellen Fähigkeiten Leiden, Tod und Krankheit zu bewirken.

 

Bei den mambabarang handelt es sich aber keineswegs nur um Personen, die ausschließlich schwarze Magie betreiben. Auch sie werden als Heiler frequentiert und zu Problemlösungen befragt. Der wesentliche Unterschied zwischen einem mananambal und einem mambabarang ist die Quelle seiner Kraft und seines Wissens.

 

Mascunana berichtet von einigen mananambal, die als besondere Zugabe zu ihren Kenntnissen über magische Kräfte (tuga) verfügen. Diese sogenannten ngilngig mananambal haben zusätzlich eine spirituelle Entität als Begleiter und Lehrer.[9] Marambang wiederum betonen, dass sie zu christlichen Schutzheiligen beten und dass sie Schadenszauber nur dann anwenden (können), wenn eine Schuld gesühnt werden muss. Die Grenzen zwischen gut und böse sind diffus und es scheint, dass sich mananambal und mambabarang im Ringen um Schuld und Sühne das Gleichgewicht halten.

 

Barang, ein Begriff aus dem Cebuano, beschreibt im allgemeinen alle Erscheinungsformen der schwarzen Magie. In Siquijor steht diese Bezeichnung hingegen für einen Fluch, bei dem verhexte Insekten die Organe eines Opfers schädigen und auf diese Weise schließlich töten. Dieser bizarre Fluch, der bis heute gefürchtet wird und der als einer der Gründe gilt warum Filipinos so ungern auf Siquijor übernachten, wurde bereits in dem sogenannten "Povedano Manuscript of 1578" von dem spanischen Offizier Diego Lopez Povedano beschrieben:

 

        "They (the sorcerers) have another way of killing their enemies who do them harm. In a bamboo tube, they put some insects similar to house flies, but with hard skins. They call these barang (…) And when they receive any serious insult from a person whom they   wanted to kill they got one of those insects from the bamboo tube and, tied with their own hair, it is send to the victim. As soon as it reaches the person it makes its way into the body (...). The stomach of the victim swells immensely at high tide and at low tide it becomes small."[10]

 

Obwohl immer wieder von offizieller Seite darauf hingewiesen wird, dass es schon "sehr lange" keine mambabarang mehr gibt, die dieses Ritual ausführen, existieren hartnäckig Gerüchte, die das Gegenteil suggerieren. Liest man zwischen den Zeilen eines Interviews des berühmten mambabarang Manong Edol wird neben den offensichtlichen Beschwichtigungsversuchen deutlich, dass er barang bereits praktiziert hat.

 

       

        "‘These little creatures can be very unruly,’ he said, ‘so I no longer use them. Besides, they cannot hurt someone who has already fled to another island. The insects cannot travel across      the sea. Barang is a very old and outdated procedure, and I doubt if there are any more mambabarang in Siquijor. Otherwise I would have already felt their powers.’"[11]



Abb. 3: Eine Heilerin mit Amuletten und Kräutertinkturen. Die christliche Symbolik des Kreuzes wird nicht als Widerspruch zur indigenen Glaubenspraxis empfunden.

 

 

Die diffuse Angst einheimischer Touristen vor einer Übernachtung auf der Insel, verknüpft auf seltsame Weise die Vorstellung von Erkrankung mit dem lokalen barang. So ist es nachvollziehbar, dass die wachsende Tourismusbranche der Insel ein gesteigertes Interesse hat, der Mythenbildung entgegenzuwirken und dementsprechend insbesondere die Existenz von barang verneint. Sobald man den Pier von Siquior erreicht, sieht man von daher ein großes Schild, auf dem der derzeitige Governor von Siquijor, Orlando A. Fua Jr., abgebildet ist mit dem Hinweis:

 

        "Anyone who offers services for occult practices are fakes."

 

Es wird dazu aufgerufen, die Provincal Tourism Office zu kontaktieren, wenn der Verdacht besteht, dass eine Person "black magic" ausübt.

 

Andere Varianten schwarzer Magie auf Siquijor sind haplit oder paktol. Haplit ist ein barang in Puppenform, ähnlich den Voodoopuppen aus Haiti. Dabei wird eine hölzerne Puppe hergestellt, die eine dritte Person während einer Taufzeremonie mit in die Kirche nimmt. Die Puppe wird heimlich auch getauft und bleibt fortan im Besitz des mambabarang. Alles was dem getauften Kind widerfährt, muss auch der Puppe geschehen. Verstirbt das Kind, wird die Puppe zum magischen Objekt und kann für haplit, d.h. Schadenszauber (Analogiezauber) verwendet werden.

 



Abb. 4: haplit ist eine lokale Variante von Hexerei, bei der eine Puppe  verwendet wird, um einer Person zu schaden.

 

Bei paktol werden Bilder, Abbilder, persönliche Utensilien oder Schädel für den Schadenszauber verwendet. Paktol ist die meist praktizierte Form des Schadenszaubers. Eifersucht und Neid sind nach Angaben eines mambabarang[12] die häufigsten Beweggründe. Durch die vielen gemischten Paare auf den Philippinen steigt nach seinen Angaben zudem die Zahl der Verwünschungen, die Ausländer treffen sollen. Ein Blick in einen Schädel, in dem Fotografien und/oder Zettel von Personen verstaut waren, die mit paktol belegt wurden, bestätigte seine Aussage und offenbarte, dass im Zeitalter des Mobiltelefons die Verwendung von Fotografien die gängigste Variante des "mystischen Abbilds" geworden zu sein scheint.



Mananambal

Mananambal sind Heiler oder Heilerinnen, die mit Hilfe von Gott und/oder den Geistern der Vorfahren Bittgebete (orasyones) sprechen, medizinische Tinkturen und Öle herstellen, Heilrituale (balinah) durchführen oder bolo-bolo anwenden. GeisterheilerInnen auf Siquijor betreiben keinen Extraktionszauber, der in Form von sogenannten blutigen Operationen, bei dem philippinische Naturheiler Kranke behandeln, indem sie mit bloßen Händen scheinbar in deren Körper eindringen, weltweit berühmt geworden ist.

 

Ein weit verbreitetes und oft zu beobachtendes Heilritual ist balinah. Bei balinah handelt es sich um ein Räucherritual mit dem böse Geister (Ursache der Krankheit) vertrieben werden. Der Patient setzt sich auf einen Stuhl unter dem eine dampfende Schale platziert wird. In dem Gefäß befinden sich verschiedene Ingredienzien, Wurzeln, Puder und Öle. Jeder Heiler verwendet seine eigene Rezeptur. Der Patient wird mit einem Tuch eingewickelt, so dass der Rauch am Körper gehalten wird. Nur die Augen bleiben unbedeckt. Der mananambal legt bei balinah die Hand auf die Stirn oder hält sie über den Kopf des Menschen und bittet die Geister/Heiligen um Unterstützung. Diese Fürbitte, in der oft erstaunlich viele lateinisch klingende Wortfetzen auftauchen, kennzeichnet den spirituellen Aspekt des Rituals.

 

HeilerInnen beheben Gesundheitsstörungen indem sie kulturell akzeptierte und erprobte Praktiken anwenden. Diese Methoden orientieren sich an Erklärungsmodellen für Krankheit, die von dem Patienten, der in der Regel aus dem gleichen kulturellen Umfeld kommt, nachvollziehbar sind.

 

Im psychoanalytischen Sinne kann hier der “shamanistic complex” von Lévi-Strauss als Erklärung für die Effektivität magischer oder spiritueller Heilpraktiken herangezogen werden. Ursächlich für den Erfolg ist demnach

 

"First, the sorcerer’s belief in the effectiveness of his techniques; second, the patient’s or victim’s belief in the sorcerer’s power; and, finally, the faith and expectations of the group, which constantly acts as a sort of gravitational field within which the relationship between sorcerer and bewitched is located and defined."[13]

 

In die Behandlung fließen soziale, psychische und spirituelle Aspekte ein.  Zusätzlich zu dem gezielten therapeutischen Eingreifen liefern HeilerInnen Erklärungen und Deutungen über Ursachen der Krankheiten, bei denen nicht auf körperbezogene Ursachen oder physikalische Zusammenhänge eingegangen wird. Die spirituelle Dimension der Heilung beruht auf der Erkenntnis, das Ursprung der Krankheit, Handlungsweisen von Geistern und die Effektivität von Heilmethoden ein geschlossenes Deutungsmodell sind, das sowohl eine Erklärung für die Erkrankung als auch die Heilung liefert.

 

Kritische Stimmen, die spirituelle Heilrituale als "faulen Zauber" abwerten unterschätzen, dass bei diesen sakralen Zeremonien eben nicht nur die Psychosomatik zum Tragen kommt. Die Heilkunst basiert zu einem nicht geringen Teil auch auf umfassenden, traditionellen, ethnopharmakologischen Kenntnissen des albularyo.



Albularyo

Das Wort albularyo stammt von dem spanischen Wort herbolario und bedeutet Kräuterkundiger. Es ist eine Bezeichnung für Heiler in den ruralen Gebieten der Philippinen, die ergänzend oder alternativ zu einem Arzt aufgesucht werden. Meistens haben Heiler ihren Beruf geerbt und ihre Kenntnisse der lokalen Heilpflanzen durch jahrelange Beobachtung und Lehre erworben. In Siquijor spielt die Kräuterheilkunde eine besondere Rolle, weil einerseits die Kräuter und Pflanzen der Insel als besonders stark und wirkungsvoll betrachtet werden und andererseits einige Pflanzen ausschließlich auf der Insel wachsen.

 

So zieht die jährlich stattfindende Herstellung von Heilkräutertinkturen, Salben und Ölen in der "Holy Week" an "Black Friday"[14] und "Black Saturday"[15] auf dem Berg Bandilaan in der Nähe des Dorfes San Antonio, das als Zentrum der lokalen Heiler gilt, neben den nationalen Fernsehteams und Journalisten, auch tausende Besucher an, unter denen sich u.a. viele Heiler der Nachbarinseln befinden. Diese Heilkundigen stocken bei dem Besuch ihre eigenen Medikamentenvorräte auf.

 

Lange bevor es zu der berühmten Versammlung auf dem Berg kommt, haben die albularyo bereits verschiedenste Pflanzen und andere Zutaten, wie z.B. Algen, Seesterne, getrocknete Abalonen usw. zusammengetragen. Es heißt, dass in einer Tinktur oder einem Öl zwischen 260 - 300 verschiedene Zutaten zu finden sind.

 

Die Herstellung der Medizin kann nur an einem "Black Saturday" stattfinden, weil davon ausgegangen wird, dass sich die Geister und andere Entitäten der Schattenwelt am Todestag von Jesus Christus frei bewegen und dementsprechend ihre Kräfte in die Tinkturen geben können. Durch Gaben, gemeinsame Gebete und Gesang werden diese spirituellen Kräfte an das Medikament gebunden. Die Medizin heilt dann nicht nur klassische körperliche Krankheiten, sondern ist auch dazu geeignet barang zu brechen. So wir ersichtlich, dass die meisten Kräuterkundigen, zumindest die Hersteller der Kräutermedizin, spirituelle Kräfte haben müssen und somit auch mambabarang oder mananambal sind.

 

Es gibt keine albularyo, die sich nicht in einer spirituellen Heilertradition verorten, zumal die indigenen Vorstellungen von Krankheit per se an spirituelle Aspekte geknüpft sind.

 

 



Abb. 5: Lola Consolacion Achay ist die älteste und bekannteste  bolo-bolo Heilerin der Insel Siquijor. Ihr Ruf als Heilerin reicht weit über die Grenzen der Insel hinaus.



Bolo-bolo-Heiler

Eine weitere spirituelle Heiltradition, die in der letzten Dekade eine Renaissance auf Siquijor erlebt hat, wird bolo-bolo genannt. Ekstatische Elemente oder tranceartige Zustände sind nicht Bestandteil dieser Behandlung. Bolo-bolo ist ein onomatopoetisches Wort und beschreibt das blubbernde Geräusch aufsteigender Blasen. Die mananambal verwenden für dieses Heilritual ein Glas mit Wasser, ein Bambusrohr und einen schwarzen Stein. Der schwarze Stein[16] gilt als heilig und soll während der Behandlung, bei der HeilerInnen mit dem Bambusrohr in das Wasser blasen, die kranken Elemente an der berührten Körperstelle aufnehmen. Als Zeichen einer Erkrankung trübt sich das Wasser ein. Erst wenn das Wasser nach mehrmaliger Wiederholung klar bleibt gilt das Prozedere als beendet und der Patient ist geheilt. Bolo-bolo lässt sich weder durch die wissenschaftliche Medizin noch durch die klassische Psychotherapie erklären und muss von daher vorerst als magische Behandlungsmethode in den Bereich des Paranormalen bzw. des geistigen Heilens eingeordnet werden. Der Ruhm der ältesten bolo-bolo Geistheilerin Lola Consolacion Achay, aka Lola Conching, die in ihrem kleinen Haus in der Nähe von San Juan Kundschaft verschiedenster Nationalitäten empfängt, dokumentiert die Heilerfolge.

Im Unterschied zu den anderen Geistheilern der Insel haben bolo-bolo-HeilerInnen keinen anhaltenden Kontakt mit Heiligen oder spirituellen Entitäten, sondern betrachten sich als gesegnete Menschen, die im Namen eines christlichen Gottes Gutes tun. Folgerichtig verlangen sie für ihre Hilfe kein Geld sondern leben von Gaben.



Über den Autor

Dr. Dirk Schlottmann, Ethnologe, thematische Schwerpunkte sind visuelle Anthropologie, Ritualforschung, Schamanismus, Trance und Ekstase: arbeitet z. Z. als Gastprofessor am German Department der Korea National University of Education in Cheongju / Süd-Korea. www.photoanthropos.com

 

 

Literaturhinweise

 

Lévi-Strauss, C. 1963. Structural Anthropology. New York: Basic Books

 

Lieban, Richard. 1977. Cebuano Sorcery: Malign Magic in the Philippines. Univ. of California Press; New edition

 

Mascuñana, Rolando V.; Mascuñana, Evelyn F.. 2003. The Folk Healers-Sorcerers of Siquijor. Quezon City: REX Book Store

 

McClenon, James. 1985. Island of the sorcerers. In: Fate Magazin. Volume 38.No. 9, 37-41

 

Schlottmann, Dirk. 2007. Koreanischer Schamanismus im neuen Millennium. Frankfurt a. M.: Peter Lang Verlag

 

Seki, K.. 1994. Healers in Siquijor. In: Yakara Studies in Ethnology 24 (10): 21-22

 

van de Bos, Meyke. 2009. In Mysterious Ways. A study about the influences of narratives on people's perception of their social environment. online (Stand 2012): http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/ 2009-1202-200239/Bos,%20Meyke%20van%20de .pdf

 

Villegas, Dennis. 2010. Conversations with a Sorcerer. In: POC - Philippine Online Chronicle. Online (Stand 2012): http://www.thepoc.net/thepoc-features/buhay-pinoy/ buhay-pinoy-features/ 6101-kulam-is-alive-and-well-in-mystical-siquijor.html

 

 

 

 




[1] Siquijor ist die kleinste der Inselprovinzen in den Visayas. Die Inselprovinz befindet sich südöstlich der großen Inseln Cebu und Negros und südwestlich von Bohol in der Mindanaosee.

[2] "Holy Week" wird auch "Semana Santa" (span.) genannt und bezeichnet die letzte Woche vor Ostern.

[3] The Philippino Express Online (16. April 2012)

[4] Vgl. Schlottmann 2007: 47-51

[5] Vgl. McClenon geht von über 50 verschiedenen Techniken der Hexerei aus

[6] Oft werden der heilige Antonius und Christus angerufen, um die Zeremonien erfolgreich abzuschließen.

[7] Im Unterschied zur offiziellen Lehre der katholischen Kirche, wo Ungetaufte oder Menschen, die in schwerer Sünde gestorben sind, direkt in die Hölle fahren, existieren im volkstümlichen Glauben die Ideen von unglücklichen, herumirrenden Seelen, die sich in einer Art "Zwischenreich" befinden.

[8] Eine umfassende Auflistung der spirituellen Entitäten findet sich hier: http://www.mysiquijor.com/MagicCreatures.html

[9] vgl. Mascuñana 2003: 168

[10] zit. nach Mascuñana 2003: 74

[11] Villegas 2010

[12] Der mambabarang bestand aus ersichtlichen Gründen darauf, dass seine Anonymität gewahrt wird.

[13] Lévi-Strauss 1963: 168

[14] "Black Friday" (Karfreitag) ist ein religiöser Feiertag für Christen zum Gedenken an die Kreuzigung von Jesus Christus und seinem Tod auf Golgatha.

[15] In der römisch-katholischen Kirche bleibt am Karsamstag traditionell der Altar ungeschmückt, die Anzahl der Sakramente ist eingeschränkt, die Heilige Kommunion wird nur als Viaticum an die Sterbenden ausgegeben und sämtliche Gottesdienste sind strikt verboten.

[16] Der schlicht wirkende schwarze Stein ist das Geschenk eines Heiligen. Die mir bekannten bolo-bolo Heilerinnen sagen, es handelt sich um eine Gabe von Santo Ninho (Schutzheiliger des philippinischen Katholizismus / Figur des Christuskindes).