Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (1) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2012, 2 (1)



Die Botschaft des Leidens

E. W. Harnack

 

 

 

Wann immer ich in Versuchung gerate zu sagen: Sollte die Welt nicht ganz anders sein? Sollte es uns nicht allen gut gehen? Sollte es nicht auch ohne Leiden gehen? mache ich mir bewusst, dass die Konstruktion der Welt, wie sie ist, einen Sinn hat. Über diesen Sinn nachzudenken ist der Inhalt dieses „Briefes“ an irgendwen. Zuvor aber will ich etwas darüber sagen, wie sehr es mich im Innersten erschüttert, dass diese Welt so und nicht anders ist. Denn es soll nicht der Eindruck entstehen, der Zustand des Leidens, in dem wir uns alle mehr oder weniger stark und mehr oder weniger bewusst befinden, sei mir in irgendeiner Weise gleichgültig. Das Gegenteil ist der Fall: Im Gegensatz zu jener stumpfen Mehrheit in unseren Breiten, die sich das Leiden vom Leib hält, indem sie in hedonistischer Betäubung aufgeht und nicht mehr daran denkt, dass sie eigentlich in einer Welt voller Leiden steckt, ist der spirituelle Mensch gleich welcher Konfession aufgrund seiner unbedingten Ehrlichkeit, Unverstelltheit offen der Tatsache des Leidens ausgesetzt. Dazu ist es allerdings vonnöten, dass er wirklich ein spiritueller und kein pseudoesoterischer Mensch sei, dass er also nicht den Hedonismus und Konsum, den er sonst im Leben betreibt, um sein eigentliches Dasein nicht sehen zu müssen, einfach auf die spirituellen Möglichkeiten, der Welt zu entfliehen, ausweitet. Wer hingegen ganz einem Weg der Ehrlichkeit zu sich selbst, einem wahrhaft spirituellen Pfad also folgt, der kann vor dem Leiden nicht den Blick verschließen.

 

Denn er erkennt das Leiden in sich selbst ebenso wie in der Welt. Er weiß darum, dass sein Leben im Paradies Westeuropas oder Nordamerikas nur ein winziger Ausschnitt aus dem Spektrum der materiellen Lebensbedingungen der Menschheit darstellt und dass die Massen der Welt durch den Egoismus weniger in Armut gehalten werden. Er weiß aber auch darum, dass das Leiden der Menschen in den Paradiesen des materiellen Wohlstands nicht geringer ist als in den Elendsquartieren der Erde und muss sich doch darum wundern: Nicht als materielles, sondern als seelisches Leiden manifestiert es sich in der Welt der Millionen Konsumgüter. Es zeigt sich als Leiden am Leben im Luxus, als die Leere, die Sinnentleertheit, die Dumpfheit eines Lebens für den blöden Genuss. Es zeigt sich als Hartherzigkeit, Egoismus, Unfreundlichkeit, als Bedürfnis, andere zu unterdrücken, als grundlegende Gestörtheit des zwischenmenschlichen Miteinanders, des sozialen Umgangs. Es wirkt sich aus in Depression, Angstkrankheit, Psychose, sozialer Gestörtheit, die viele Namen trägt wie Kriminalität, Persönlichkeitsstörung, Drogenabhängigkeit oder Managerkarriere. In all diesen Formen leidet das angeblich so begnadete Volk der Reichen mindestens ebenso sehr wie die Armen, denen der Tod so sehr ins Gesicht geschrieben steht, dass sie ihn nicht mehr fürchten. Das Leiden von uns Reichen allerdings ist viel tiefgründiger und subtiler, denn es ist uns meist nicht einmal bewusst. Wir wissen, dass etwas nicht stimmt mit unserer Abhängigkeit vom Luxus, den wir als selbstverständlich ansehen, aber wir denken nie zu Ende, dass wir allesamt wie Heroinjunkees an der Nadel unseres Luxus hängen und uns deshalb verhalten wie solche: Um uns unsere tägliche Dosis künstliches Glück zu erhalten, sind wir dazu bereit, andere zu bestehlen, zu betrügen und zu morden – wir zerstören buchstäblich und keineswegs metaphorischerweise die Lebensgrundlagen künftiger Generationen auf diesem Planeten, wir lassen ein Drittel der Menschheit hungern. Wir benehmen uns wie der Junkee, der weiß, dass sein Handeln nicht in Ordnung ist, der es aber nicht lassen kann: Würde uns jemand anbieten, irgendwo in Nepal ein ärmliches Leben mit einer liebenswerten Familie, freundlichen Nachbarn und einem guten spirituellen Lehrer zu führen statt in unseren verkorksten Lebensverhältnissen zu bleiben, würden wir dennoch unser eigenes Wohlstands-Elend vorziehen. Das ist die Grundverfassung des Menschen auf der Welt: Er greift nach dem, was die naheliegendste, die schnellste Befriedigung seiner scheinbaren Bedürfnisse bedeutet und ist sich nicht seiner eigentlichen Bedürfnisse im Klaren. Das ist die Grundlage allen Leidens.

 

Ich will aber auch noch hinzufügen, wie sehr mich selbst dieses Leiden betrifft. Denn auch der Mensch, der sich auf eine spirituellen Pfad begeben hat, ist erst frei, wenn er wahrhaft frei ist von allem, was ihn an irdische Bedingungen bindet. Das Leiden entsteht nicht wie der Schmerz. Der Schmerz ist die unmittelbare Reaktion eines Organismus auf das, was ihn schädigt. Das Leiden entsteht durch die Bewertung des Schmerzes, durch seine mentale Verarbeitung, insbesondere dann, wenn der Schmerz sich tief ins Gedächtnis eingräbt, zu einer eigenen Struktur wird, die dann weitere ähnliche Erfahrungen anzieht, die ebenfalls eingegraben werden, so dass der Schmerz nicht mehr losgelassen werden kann, sondern beständig an ihm festgehalten, er wieder und wieder reproduziert wird. Das nennt die Psychoanalyse Neurose, die Verhaltenstherapie nennt es dysfunktionales Schema, die indischen Philosophien samskara, und Eckhart Tolle hat es sehr schön Schmerzkörper genannt. Samskara, die Formung des Geistes, ist die Wurzel von gleichsinnigem Karma, der Neigung, immer wieder das zu erleben, was in einem steckt. Es gibt aber auch ein reagierendes Karma, das aus allem, was wir in die Welt entsandt haben (Worten, Gedanken und Handlungen), wie ein im rechten Winkel auf eine Wand geworfener Ball zu uns zurückschlägt. Dieser indische Gedanke ist eine tiefsinnige und vermutliche wahre Erkenntnis über den Lauf der Welt und sie bedarf weniger der Ergänzung durch den westlichen Gedankengang als dieser durch sie.

 

In der exoterischen christlichen Auffassung lässt sich nämlich die Existenz des Leidens nur zum Teil befriedigend erklären. Angefangen mit der von manchen nicht-christlichen Autoren aufgezeigten Unsinnigkeit, dass ein Gott seine geliebten Kinder verstößt, weil sie einen Apfel essen, ihnen aber vergibt, nachdem sie seinen Sohn getötet haben, durchzieht die christliche Theologie, solange sie philosophisch überhöhte Mythologie bleibt, ein logischer Widerspruch nach dem anderen: Um zu verhindern, dass das Übel durch Gott in die Welt kam (was nicht sein darf), muss die (Augustinische) Theologie die Schlange, ein Geschöpf Gottes, zum Auslöser des Sündenfalls, der Trennung von gut und böse, also der Trennung des Menschen vom Ganzguten in Gott machen. Die spätere Mythologie setzte die Schlange dem sich gegen Gott erhebenden Erzengel Luzifer gleich. Und der Widerspruch bleibt, wie Gott in Allwissenheit ein Wesen erschaffen konnte, von dem er wissen musste, dass es sich gegen ihn erheben würde. Oder wieso er in seiner Allmacht nicht dazu in der Lage war, dieses zu verhindern, obwohl die Engel derselben mythologischen Tradition zufolge nicht mit einem wirklich freien Willen ausgestattet waren. Oder wieso er, wenn er die Menschen so sehr liebt und in Allwissenheit und Allmacht all dies wusste, nicht einen anderen Plan ersann, um Spannung in die Geschichte zu bringen. Interessanter erscheint da schon die Antwort von Leibniz auf das von ihm als Theodizee (Θεός und δκη: Gerechtigkeit Gottes) benannte Problem, nämlich dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, weil keine bessere konstruierbar wäre: eine andere Konstruktion müsste nämlich wesentliche Parameter, vor allem die Freiheit des Menschen, anders setzen, was dann beispielsweise einer göttlichen Diktatur über den menschlichen Geist gleichkäme. Tatsächlich aber ist die menschliche Freiheit, wenn sie gegenüber dem alles durchdringenden Göttlichen überhaupt existiert (was aber nicht Thema dieses Essays ist), nur die Freiheit das zu wollen, was dem Einzelnen gerade als das Gute erscheint. Niemand ist frei, sich gegen das Gute zu entscheiden, wie es ihm erscheint. Deshalb ist das Diabolische (und diabolos bedeutet der Verdreher der Tatsachen) die Täuschung über das, was wirklich das Gute für uns ist. Die Unwissenheit ist – buddhistisch – die Wurzel des Leidens, Unwissenheit in all ihren Formen bis zur Höchsten – dem Glauben der Nichtidentität mit der Ursache allen Seins.

 

So strebt niemand danach zu leiden, dennoch bereiten zahllose Menschen sich selbst Leid, weil sie es nicht besser wissen. Sie fressen von Chemikalien verseuchte Lebensmittel, weil die gut schmecken, sie streiten sich mit ihrem Partner und lassen ihre Beziehung in die Brüche gehen, auch wenn sie nie wieder eine bessere bekommen werden, nur weil sie es nicht besser wissen. Sie wissen nur das eine: Ich will nicht leiden und will alles tun, um Leid zu verhindern. Danach verhalten sie sich, nicht wissend, dass es genau diese Haltung ist, die alles Leiden hervorbringt. Denn das Leiden, das sie zu verhindern trachten, produziert auf keineswegs magische Weise das Leiden, das auf sie zurückschlägt. Niemand ist in seiner Motivation getäuscht, denn alle, selbst die psychischen Masochisten, die ewigen Opfer, wollen letztlich nur das Gute für sich selbst – das ihnen so erscheinende – denn wollten sie es nicht, wären sie eben schon Heilige und jenseits jeden Leidens. Der Leidende aber will dieses Gute für sich und verkennt das Ziel. Denn er hält etwas für das Gute, was es nicht sein kann. Er glaubt, Reichtum sei die Befreiung aus dem Leid oder Karriere oder dies oder jenes – und scheitert an der Verwirklichung seiner Ziele. Oder er scheitert an der Konsequenz, wenn er sein falsch gewähltes Ziel erreicht und sein Glück auch nur Einbildung ist, die solange wärt, solange er nicht gezwungen ist, tiefer zu blicken.

 

Wenn aber das eigentliche Ziel unseres natürlichen Strebens nach Glück nicht in der Erfüllung banaler Wünsche liegen soll, wo dann? Die spirituellen Traditionen sind sich einig, dass es allein in der höchsten Wirklichkeit des Göttlichen wahrhaft gefunden werden kann. Und dass alles, was auf sie hinzielt, alle Schritte auf dem Weg dorthin, bereits wahres Glück genannt werden können. Deshalb ist der Teufel, der Diabolos der Verführer, der uns mit irdischen Verlockungen davon abhalten will, dorthin zu gelangen. Aber in der Geschichte von Hiob ist er zugleich der von Gott bestallte Agent, der Hiob unter Billigung Gottes zu quälen hat, um Hiobs Treue zu testen. Der Teufel ist also doppelgesichtig: Er ist nicht allein der diabolische Verführer, der uns vom Weg zurück in die Einheit mit dem Göttlichen abbringen will, nachdem seine Verführung im Urzustand uns aus dieser Einheit herauskatapultiert hat. Er ist auch derjenige, der uns Schmerz zufügt – nota bene: das genaue Gegenteil der Verführung also, die ja stets mit Positivem wirbt! -, damit wir im Schmerz Aufgabe und Herausforderung finden.

 

Der Schmerz des Lebens als Aufgabe und Herausforderung ist ein schwierig anzunehmender Gedanke, aber er bringt uns in den Kern dessen, das man als die esoterische Botschaft des Leidens verstehen kann. Wenn der Sinn unserer irdischen Existenz darin besteht, wieder in die Einheit mit dem Göttlichen zurückzukehren oder (buddhistisch-hinduistisch formuliert)[1] die Befreiung aus der Täuschung unseres Getrenntseins zu erlangen, dann ist alles, was diesem Ziel dient, unserem eigentlichen Glück dienlich. Die Täuschung des Diabolos besteht darin, dass wir meinen, der Schmerz sei unserem Glück abträglich. In Wahrheit aber ist es nur das Leiden, das wir selbst aus dem Schmerz resultieren lassen, das uns davon abhält, den Schmerz einfach als Teil des Lebens zu akzeptieren. Denn indem wir in ihn einwilligen, verhindern wir, dass er zum Leiden wird und verhindern, dass aus ihm neues Leiden entsteht, das wir uns und anderen antun. Wir können den Kreislauf der sozialen Vermehrung des Leidens in dieser Welt nur aufhalten, indem wir bereit sind, den Schmerz, den Andere uns zufügen, nicht zum Leid in uns werden lassen, das auf Rache und damit Schmerz für Andere sinnt, die wiederum aus ihrem Schmerz Leiden für sich und andere schaffen. Durch die Verwirklichung dieser Botschaft wird die Absurdität des Gottes am Kreuz erst sinnvoll, indem sie nämlich aufzeigt, dass der Mensch Jesus von Nazareth (der im Unterschied zum Gott Schmerz zu empfinden in der Lage war) den Schmerz zu ertragen bereit war, ohne daraus Leiden zu produzieren: ohne Gefühle von Rache, ohne sich ihm entziehen zu müssen. Und zudem können wir dann, wenn wir bereit sind, den Schmerz anzunehmen, begreifen, dass der Teufel, der uns Schmerz zufügt, auf der Seite unseres eigentlichen Glücks des Weges zum Göttlichen hin steht, während der Diabolos, der uns verführen will, uns angeblich vom Leiden wegführt, in Wahrheit aber um unser eigentliches Glück im Weg zur Befreiung aus dem Diesseitigen betrügt.

 

Das wird erst dann verständlich, wenn wir die beiden bereits erwähnten Bedingungen noch einmal durchdenken, dass wir nämlich in einer Welt leben, in der wir vom eigentlichen Ziel unseres Lebens, dem Göttlichen oder der Erleuchtung, getrennt sind oder scheinen. Und dass unser höchstes Glück im Wiederfinden der Vereinigung oder in der authentischen, ganzheitlichen Erkenntnis der Einheit mit dem Göttlichen, in der Erleuchtung liegt. Dann folgt daraus, dass die Überwindung aller Täuschungen und Verdunkelungen dieser ganzheitlichen (nicht allein gedanklichen!) Wahrheit ein Prozess sein muss, der nicht von heute auf morgen erfolgen kann. Wenn wir also von einem Prozess sprechen, so sprechen wir zugleich von Lernen. Und wenn wir davon sprechen, wir sollen lernen, uns verändern, neurotische und gemeinmenschliche Verdunklungen vor der Erleuchtung unserer göttlichen Herkunft beseitigen, dann sprechen wir von einem tiefgreifenden Entwicklungsprozess, der mit der Überwindung dessen einhergeht, das wir als uns selbst, als eigenes Ich begreifen. Wenn wir nicht das überwinden, von dem wir glauben, es zu sein und sein zu müssen, dann können wir nicht zu dem kommen, was wir nicht sind und nicht wahrnehmen können, weil es so anders ist als unsere bisherigen Seh- und Denkgewohnheiten, dass wir ES mittels ihrer niemals erkennen werden. Wenn wir also uns als ganze Wesen transformieren, umformen müssen, um das Göttliche in unserem Dasein erkennen zu können, müssen wir zwangsläufig dazu bereit sein, alle unsere Einstellungen, Vorstellungen, Denk- und Fühlweisen korrigieren zu lassen. Das aber ist ein Prozess der schmerzlichen Ausmerzung des uns Liebgewordenen, unseres Egos, einer kränkenden, demütigenden Erfahrung dessen, das wir in unserer bisherigen inneren Struktur etwas Anderem weichen müssen.

 

Angenommen, Gott ist gut und der Teufel in Form des Lichtbringers Luzifer nicht sein missratenstes Geschöpf, sondern sein Agent für die Transformation des Menschen. Angenommen, es gäbe eine Macht in unserem Leben, die uns zu unserem eigentlichen Glück, der Erkenntnis des Göttlichen führen wollte. Wie würde diese Macht wohl vorgehen? Etwa so wie der Diabolos, der uns mit der Aussicht auf Reichtum, Sex und Macht verführt, wie er es mit Jesus tun wollte, der ihm wehrhaft widerstand? Dann würden wir nur noch lieber in dieser Welt schwelgen und uns an ihr erfreuen, statt nach einer anderen Wahrheit und Wirklichkeit zu streben. Und wenn es ein Prozess ist, in dem wir uns verlieren sollen, um uns als etwas Ganzanderes, als etwas Vielgrößeres wieder zu finden, sollte dann Gott und sein Agent, Luzifer, nicht dafür sorgen, dass wir uns immer wieder selbst verlieren, uns in Frage stellen, an uns selbst (ver)zweifeln müssen, damit wir nicht in unserer Selbstgefälligkeit verharren? Und wenn dieser Prozess einer des Lernens oder – von einem Agenten her gedacht – einer der Erziehung ist, müsste er nicht darauf angelegt sein, dass wir den Schmerz erfahren, um darauf nicht mit Leid zu reagieren und somit das Leid zu überwinden, statt uns darin zu verstricken und wieder neues Leid zu produzieren?

 

Denselben Gedanken könnten wir auch buddhistisch-hinduistisch formulieren, indem wir die Agenten, Gott und Luzifer, streichen und statt dessen von Buddhageist und Karma sprechen: dass es unsere Aufgabe ist, unsere karmischen Verstrickungen, die ewige Wiederholung des Leidens durch gleichsinniges und reagierendes Karma zu durchbrechen und zu lernen, auf den Schmerz nicht mit Leid und dem Bestreben der Verhinderung von Schmerz zu reagieren, sondern dass wir den Schmerz annehmen, transformieren und zur Kraft der Erleuchtung werden lassen. Statt zurückzuschlagen, wenn uns jemand die Nase einschlägt, sollen wir ihm die Nase noch ein zweites Mal hinhalten? Vielleicht, wenn es die Situation erfordert, damit wir den sozialen Kreislauf von Aktion und Reaktion, von Leid bei mir und Leid bei dir und Leid bei ihm und Leid bei mir überwinden. Aber auch, wenn wir dadurch verhindern, dass wir aus Schmerz Leid in uns selbst erzeugen, das zur ewigen Konditionierung von Wollen und Nichtwollen, von Reaktionsmustern führt, die nicht über diese Welt hinausreichen. Vielleicht sollten wir unsere Nase nicht hinhalten, wenn wir, indem wir den anderen davon abhalten, noch einmal zuzuschlagen, größeren Schaden für uns und für ihn verhindern.

 

Das Prinzip, dass wir leiden, weil wir in unserem eigenen Samskara verfangen sind und das andere Prinzip, dass wir leiden, um daraus zu lernen, schließen sich gegenseitig nicht aus. Dahinter stecken zwei sehr diskrepante Spiritualitäten: die des Buddhismus, die einen Gott als Handelnden nicht kennt und deshalb nur eine Kausalität aus dem eigenen Menschendasein heraus; und die des Theismus (den es in Indien ebenso gibt wie in den abrahamitischen Religionen), der ein Um-Zu, eine Finalität sieht, in der wir sagen können: Der Sinn unseres Leidens besteht darin, dass wir etwas lernen, was wir sonst nicht lernen wollten, nämlich z. B. das Leiden zu überwinden. Dieses Um-Zu ist also keineswegs zu verwechseln mit dem Um-Zu der traditionellen kirchlichen Theologie, in der es nur ein „Gottes Wege sind unerforschlich“ als mageren Trost angesichts der Übel der Welt gibt. Es ist ein sehr dezidiertes: Gottes Wege sind erforschlich!, das sich darin ausdrückt, dass wir versuchen müssen zu verstehen, weshalb etwas uns Leiden bereitet. Was ist es in uns, das uns leiden lässt. Was verhindert es, dass wir den Willen Gottes annehmen können. Und um das zu verstehen, ist noch einmal die Unterscheidung in Schmerz und Leiden wesentlich.

 

Die Botschaft des Um-Zu lautet: Erforsche die Wege Gottes, erforsche dein Leiden, um das Leiden zu überwinden. Es lautet nicht: Gott will, dass Du leidest oder auch nur: dass Du Dein Leiden stillschweigend erträgst. Denn Leiden ist allemal das, was wir aus dem Schmerz machen, nicht der Schmerz selbst. Wenn die Welt uns Schmerzen bereitet, so ist das keineswegs schön. Aber der Schmerz gehört als aversiver Reiz zu diesem Dasein, damit wir lernen. Wenn wir auf die Herdplatte fassen, sollen wir Schmerz empfinden, um zu lernen. Wenn ein geliebter Mensch uns verlässt oder unser Arbeitsplatz flöten geht, sollen wir ebenfalls lernen, auch wenn die Botschaft darin nicht sehr einfach zu verstehen ist und für jeden Menschen eine andere. Der eine muss lernen, loszulassen, der andere festzuhalten. Der eine soll lernen, um den Arbeitsplatz zu kämpfen oder nicht aufzugeben, der andere soll lernen flexibel hinzunehmen, was kommt. Das überhaupt ist angesichts der Vergänglichkeit aller Dinge und Wesen die wichtigste Übung und die tiefste Wurzel des Leidens, wie der Buddha wusste: die Vergänglichkeit – und wenn wir den durch sie entstehenden Schmerz annehmen können, überwinden wir das Leiden, das in ihm liegt.

 

Den Schmerz anzunehmen heißt also, das Leiden zu überwinden. Das Leiden zu überwinden ist das Ziel, ist die Botschaft jeden Schmerzes, ist das Ergebnis, auf das unsere Erziehung durch das Göttliche hinzielt. Wir sollen lernen, mit den Situationen dieser Welt umzugehen: nicht so sehr – und nur als Zwischenschritt – um mit der Welt selbst besser klarzukommen – das wäre das Ziel der reinen Psychotherapie; sondern um uns selbst zu überwinden und uns zu reinigen von den neurotischen, den verdrehten Annahmen in uns, von dem Egoismus und der Boshaftigkeit, letztlich dann, nachdem alles andere abgearbeitet ist, auch von den menschlichsten Sichtweisen selbst: dass wir ein festes Ego sind, dass wir beschränkt sind auf eine körperliche Seinsweise, dass es nichts gibt außerhalb unserer gewöhnlichen Sinne. Aber das sind Ziele, die nur gemeinsam mit der Transformation unseres Charakters zur Erlösung und Erleuchtung führen können, nur indem wir uns als Menschen zu heiligen Wesen entwickelt. Dazu aber soll uns das Leiden helfen, mit seiner Botschaft, dass wir es zu überwinden haben und zurückzuführen haben in Schmerz. Und der Schmerz soll uns der Stachel sein, das zu ändern, was uns festhält, was uns nicht wachsen lässt. Den Schmerz endgültig zu überwinden ist folglich das tiefere, aber ihn zu akzeptieren und dadurch immer ein Stück weit zu überwinden ist zugleich der Weg zur Befreiung vom Leiden. Die Befreiung vom Leiden ist deshalb so schwer, weil wir so tief in ihm verstrickt sind, aber das Leiden ist das viel weniger reale, der viel neurotischere Teil dessen, was wir als aversiv empfinden. Es muss deshalb von der Reihenfolge her zuerst fallen.

 

Ob wir ein theistisches Verständnis zugrunde legen, in dem Gott das ist, was die Geschicke der Welt lenkt oder ein karmisches, wonach es unser Karma ist, das das gleiche bewirkt, in jedem Fall ist Leiden die Auflehnung statt die Auflösung dieser Macht. Im theistischen Verständnis also ist es so, dass wir leiden, weil wir den Schmerz nicht als Lektion begreifen, sondern als Zumutung und wir gegen diese Zumutung rebellieren. Wir rebellieren gegen Gott und leiden deshalb, weil wir nicht begreifen, dass dahinter ein Wille zum Guten für uns selbst steht, weil wir nicht fassen können, dass das unendlich schmerzliche Geschick, das wir zu tragen haben, um eines höheren Willen geschehen muss, und dass wir unsere Egozentrik zu überwinden haben, alles solle nach unserem Willen geschehen. Wenn wir uns also in den Willen des Höheren fügen, reduzieren wir unser Leiden auf unseren Schmerz. Dann aber können wir daraus eine Lektion ziehen – und sei es auch nur die, dass das Göttliche allemal mächtiger ist als wir und dass es dennoch gut ist, dass also wir selbst im Irrtum sind, dass wir selbst unsere Egozentrik korrigieren müssen und nicht Gott seine Perspektive. Und vielleicht können wir darüber hinaus eine spezifisch an uns gerichtete Botschaft entziffern, die mehr ist als nur Einbildung oder ein Schönreden, sondern ein Grund dafür, dass wir diese harte Lektion mit dem Rohrstock, diese zeitgemäß als unzulässig angesehene und deshalb nicht mehr mit dem Gottesbild der Theologen zu vereinbarende schmerzhafte Erziehung erdulden mussten.

 

Zum Abschluss sei noch einmal praktisch und zusammenfassend zugleich gesagt, dass der Schmerz, so unangenehm er auch sein mag und so sehr wir alle – der Autor selbst eingeschlossen – uns wünschten, er existierte nicht, seinen Sinn hat, dass es ihn ganz unabdingbar und notwendig geben muss in einer Welt, auf die wir nur aus dem einen Grund gestellt wurden, um zu wachsen und zu reifen. Wenn die Wesen es geschafft haben, in den Himmel der sterblichen Götter aufzusteigen, so sagt der Buddhismus, dann schwelgen sie in Genüssen und fallen nach ihrem Tod in finsterste Wiedergeburten, weil sie die Ansammlung spiritueller Verdienste, den Fortschritt in der geistigen Erkenntnis und der Transformation der charakterlichen Einprägungen versäumt haben. Deshalb gilt diese sehr ambivalente Existenz als Mensch dem Buddhismus als die erstrebenswerteste aller Existenzformen, erstrebenswerter als die als schmerzfreies Geistwesen, als sterbliche Götterwelten. Wie für Leibniz ist für den Buddha die Menschenwelt die beste aller möglichen Welten. Denn nur in dieser Existenz besitzen wir die Motivation zu lernen und die permanente Anleitung zum Lernen, wenn wir diese in Anspruch nehmen. Diese Motivation liegt im Schmerz, der richtig verstanden nicht zum Kreislauf von Leid und dem Versuch, ihm hedonistisch oder fremd- und damit selbstschädigend zu entgehen, sondern zu wahrer Spiritualität führt, also zum Bemühen um Entwicklung über das eigene Sein hinaus. Die Anleitung, die wir dabei erfahren, steht uns nicht nur in Form spiritueller Lehren zur Verfügung, sondern auch in Form des eigenen Nachdenkens über die Wurzeln unseres individuellen Leidens. Die Vertiefung dorthinein in der Meditation und im Gespräch mit dem spirituell erfahrenen Psychotherapeuten führt zur Erkenntnis, worin die eigenen persönlichen leidschaffenden Verstrickungen in diesem Leben stammen, führt aber auch zu höheren Erkenntnissen über die Kreisläufe des Leidens, die nur durch eine radikal neue, spirituelle Perspektive, durch ein Sich-Einlassen auf die Führung durch den heiligen Geist, durch das Göttliche, durch den Buddha überwunden werden können.

 

Woran muss ich wachsen, um das Leiden hier und jetzt und in diesem konkreten Punkt zu überwinden? Bei der Beantwortung dieser Frage sind die Maßstäbe der spirituellen Welttraditionen hilfreich: Wo weiche ich ab von dem, was die Religionen in ihren innersten Botschaften empfehlen. So verstanden, sind die ethischen und spirituellen Maßgaben der Religionen (jedenfalls dort, wo sie nicht legalistische Gesetzeskataloge bilden) Richtschnur für die Selbsterkenntnis unseres Leidens. Selbst wenn es nicht so offensichtlich ist, dass ich leide, weil ich mich (sozial oder mir gegenüber) falsch verhalte, kann die religiöse Richtschnur mir auf die Sprünge helfen: Leide ich unter Einsamkeit, obwohl ich sehr viel Geld auf dem Konto habe, könnte etwas Barmherzigkeit und Großzügigkeit mir gut tun, mich selbst so zu verwandeln, dass ich ein anderer, liebenswerter Mensch werde. Leide ich unter Armut, obwohl ich ein großzügiger, liebenswerter Mensch bin, sollte ich mein Kapital in meinem Gemüt sehen, nicht in den materiellen Gütern, die ich nicht besitze. Es ist eine Frage der Perspektive, ob ich leide. Und die religiösen Traditionen geben eine gewisse Hilfestellung, um zu einer spirituell hilfreichen Perspektive zu gelangen, in der alles seinen ihm zukommenden Platz erhält. Und letztlich weiß die mystische Antwort in Ost und West, dass ich das Leiden überwunden haben werde, wenn ich am Ziel meiner spirituellen Reise angelangt bin, wenn ich – obwohl vielleicht noch auf dieser Welt – nicht mehr von dieser Welt bin.



[1] Es lässt sich nämlich ohne Weiteres das Nirvana zumindest des Mahayana-Buddhismus als Wiederentdecken einer ursprünglichen Einheit denken, denn Nirvana, der Zustand der Erleuchtung ist definiert als die endgültige und permanente Beendigung der Täuschung einer Welt von eigenständig, substantiellen Entitäten, also getrennten Seinsweisen. Und auch hier wird der ursprüngliche, natürliche Zustand zuweilen als der ungetäuschte formuliert, der Buddhasame in uns, so dass wir (obwohl die Zeitdimension hier im menschlichen Sinne nicht korrekt anwendbar ist) auch von einer Rückkehr in den Zustand des Nirvana sprechen könnten.