Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (3) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2011, 1 (3)


Der Spirituality Check:

Was ist eigentlich Yoga?

 Vanamali Gunturu

 

 

 

In einer Gesellschaft, in der die religiöse Praxis nicht mehr von großen kirchlichen Institutionen kontrolliert wird, die mit weltlicher Macht ausgestattet sind, um dem „Laien“ religiöse Inhalte verbindlich vorzuschreiben, kann die Vielfalt zum Problem werden. Wer kein Experte ist, braucht oft kompetente Führer, um seriöse Angebote von Irreführungen unterscheiden zu können. Eine objektive Beurteilung dessen, was seriöse Spiritualität sein kann und was nicht, ist schwer zu finden, weil die meisten Experten selbst eine bestimmte weltanschauliche Position vertreten. Mit der Reihe Spirituality Check wollen wir aus der Perspektive einer transzendentalen Religionswissenschaft beleuchten, was seriöse von unseriösen Verwendungen spiritueller Begrifflichkeiten unterscheidet. Dabei wird jeweils ein Begriff in seiner Etymologie, seiner theoretischen Heimat, seiner praktischen Anwendung, seinem heutigen Vorkommen vorgestellt und im Hinblick auf seine seriösen Verwendungsmöglichkeiten diskutiert.

 

 

Während das Wort ‚Yoga’ in den westlichen Ländern überwiegend als eine Bezeichnung für bestimmte Leibesübungen verstanden wird, hat es in der Gesellschaft und in den Traditionen Indiens eine Fülle von Bedeutungen: a) So ist es in der Hindu-Astrologie und im Hindu-Kalender jeweils ein Verweis auf eine bestimmte planetarische Konstellation und ein Hinweis auf daraus resultierende Folgen. In diesem Kontext wird das Wort ‚yoga’ wie eine Nachsilbe an das eigentliche Wort angehängt. Zum Beispiel: amritayoga, maranayoga, vishayoga, kartariyoga, pancananayoga, patanayoga oder gajakesariyoga. b) Das Wort bezeichnet auch die günstigen oder ungünstigen Umstände eines Menschen in einer bestimmten Lebensphase. So nennt man die vorteilhaften Umstände eines Menschen, der in seinem Leben an allen Fronten nur Erfolge und keine nennenswerten Niederlagen erlebt und einen steilen Aufstieg macht, Rajayoga – Königsyoga. Es bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass er ein König sein wird. Das Gegenteil, Patanayoga, bedeutet, dass ein erfolgreicher, angesehener Mensch sich im Fall befindet, unglückliche Erfahrungen macht – er wird verleumdet, beleidigt, bestraft und von seinen eigenen Leuten verraten. Das Wort hat aber auch moralische Konnotationen. Hierbei ist duryoga ein Negativum  und sadyoga ein Positivum.  c) Yoga wird auch als die Spitzenleistung verstanden, die man auf einem Gebiet, gleich welchem, erreichen kann. Das verwandte Wort ‚yogyata’ bedeutet Eignung, oder ‚qualifiziert sein’. d) Im Zusammenhang mit religiösen und theologischen Fragen bedeutet das Wort ‚Weg’, ‚Methode’ oder ‚Technik’. Man denke an die Bezeichnungen Bhakti-, Karma- und Jnanayoga, die Wege der Hingabe bzw. Liebe, des Handelns oder der Erkenntnis, die zu Gott führen sollen. Interessant ist der Name ‚Ashthanga yoga’, der ‚achtgliedrige Weg’’, wie Patanjali in seinem Werk  ‚Yogasutras’ das gesamte Teilgebiet von Praxis und Technik nennt.

 


Die Yoga-Philosophie

Im engeren Sinn ist Yoga der Name einer der neuen wichtigen Schulen indischer Philosophie und unterscheidet sich von seinem Zwilling ‚Sankhya’ in der Gottesfrage. Während die Sankhya-Metaphysik ohne Gott auskommt, sieht die Yoga-Ethik Gott, Iswara, als eine Art Nothelfer bei der Erlösung. Daher heißt Yoga auch Patanjala Sankhya (Patanjalis Version von Sankhya) oder Saiswara Sankhya (Sankhya mit Gott). Yoga, und damit auch Sankhya, formuliert die für alle Zeiten wichtigsten Fragen der Philosophie: Was ist das Wesen von Bewusstsein und Materie? Wie verhalten sie sich zueinander? Yoga stellt dem Hinduismus wichtige Begriffe zur Verfügung, beeinflusst dessen Pantheon und legt das Fundament der indischen Heilkunde Ayurveda. Yoga beschreibt auf einer Metaebene alle möglichen Erfahrungen, die der Mensch auf dem spirituellen Weg macht. So etwa die ekstatischen Zustände des Aspiranten, aber auch die übernatürlichen Kräfte, die in ihm erwachen. So gesehen ist es  früheste wichtige wissenschaftliche Werk über Spiritualität und Esoterik, welches zugleich an keine Religion gebunden ist.


Wie alt diese Schule ist, lässt sich schwer feststellen. In der Abbildung auf einem Siegel aus der Industal-Zivilisation (ca. 3500 bis 1800 v. Chr.) ist die Yoga-Körperstellung (asana) „kayotsarga“ deutlich zu erkennen. Da viele Elemente des späteren Hinduismus und seiner Bräuche auf die Industal-Zivilisation zurückzuführen sind, liegt die Vermutung nahe, dass auch die Wurzeln des Yoga und seines Gedankenguts in dieser Frühgeschichte der Inder zu finden sind. Wie viele Begriffe und Termini indischer Philosophie, stammen die des Yoga aus den Veden und Upanishaden. Im Rigveda, dem heiligsten und ältesten Werk des Hinduismus, kommt eine Hymne, Purusasukta, vor, die dem Urwesen, Purusa, gewidmet ist. Eine der zwei  Grundkategorien des Yogasystems ist Purusa, die andere Prakriti.


Kapila, der von Autoren vorchristlicher Zeit erwähnt wird,  gilt als der Begründer des Sankhya-Systems, obwohl seine Werke nicht überliefert sind. Iswarakrishnas ( 3. Jh.[i])  Sankhyakarika ist das grundlegende Werk des Sankhyasystems. Patanjali (2. Jh.v.Chr.[ii]), der Autor der Yogasutras, gilt als der Begründer von Yoga, obwohl er aller Wahrscheinlichkeit nach die damals bestehenden Kenntnisse, oder vielmehr die Ergebnisse vorangegangener Diskussionen, in seinem Werk aphoristisch zusammengetragen hat.


Yoga ist vermutlich älter als der Buddhismus, da der junge Siddhartha, der spätere Buddha, die Yoga-Technik der Meditation bei verschiedenen Lehrmeistern gelernt hat. Sankhyakarika und Yogasutra bilden - zusammen mit den von Zeit zu Zeit über sie verfassten Kommentaren - die gesamte Literatur des Yoga.


Wie fast jedes philosophische System Indiens, wendet sich das Yoga der Frage zu, was das Wesen des Leids ist und worin es besteht. Auf der Suche nach einer plausiblen Erklärung gelangt es zu den bezeichnenden Grunderkenntnissen: Der Erkenntnisapparat des Menschen, die Erkenntnis und ihr Status, das Wesen des Irrtums und der Weg aus dem Leid. So steht das Leid, nicht das Staunen, am Anfang indischer Philosophie. „Das dreifache Leid löst beim Menschen eine Wissbegier aus, es zu beseitigen“ lautet der erste Vers in der Sankhyakarika.


„Vritti“, Sanskrit für  „Umbildung“ oder „Umwandlung“, ist ein Schlüsselbegriff im Yoga (s. z. B. I, 1. Yogasutras). Bei jeder Erfahrung oder Wahrnehmung wandelt sich das Denkorgan, Citta, das aus Intellekt (Buddhi), Ego (Ahankara) und Gemüt (Manas) besteht, in den jeweiligen Gegenstand um –  erkannt wird daher jeweils nur dieses „vritti“, die „Umwandlung“ oder „Abbildung“ des Gegenstands oder der Wirklichkeit. So gesehen findet in der Erkenntnis kein Kontakt zum Gegenstand selbst statt. Das erkennende Subjekt ist Purusa, die eine Kategorie, und das vermeintlich Erkannte ist Prakriti, die Urmaterie, die andere Kategorie. Aus diesen zwei Prinzipien besteht das gesamte Yogasystem.


Purusa ist das reine Bewusstseinsprinzip, das sich nicht bewegt, nichts tut, aber alles wahrnimmt. Es ist passiver Beobachter, Zeuge des Weltgeschehens. Seiner Beschaffenheit nach kann es sich nie verändern und niemals in direkten Kontakt mit der Materie kommen – dahinter steckt eine der Grundüberzeugungen der Philosophie, dass nur wesensgleiche Dinge miteinander eine Beziehung eingehen können: ein Gedanke zum Beispiel mit einem anderen Gedanken, das Bewusstsein mit einem anderen Bewusstsein oder ein materieller Gegenstand mit einem anderen materiellen Gegenstand. Zwei wesensfremde Dinge können keinen Kontakt zueinander haben. Die  Materie ist dem Purusa völlig wesensfremd. So ist Purusa das Descartesche „res cogitans“ in der viel älteren Anschauung Indiens, und erinnert zugleich an Aristoteles’ „unbewegten Beweger“. Nach dem Yoga-System gibt es eine Vielzahl von Purusas (Sankhyakarikas Vers 18). Während im Sankhya alle Purusas gleich sind und es keinen Gott gibt, hält das Yoga von Patanjali an einem Überpurusa, Purushottama, fest, den es Iswara, Gott, nennt. Iswara ist allen anderen Purusas ähnlich, er unterscheidet sich von ihnen nur dadurch, dass er der  wichtigste unter ihnen ist.


Die zweite Kategorie, Prakriti, die Materie, wird außerhalb dieses Yogasystems oft als ‚Natur’ übersetzt und ist die Ursubstanz, worin die ganze Welt in ihrer Vielfalt potenziell vorhanden ist. Wenn sich die Welt nach der Auffassung des Yoga aus dieser Prakriti entwickelt oder entfaltet, entsteht nichts Neues, was nicht bereits in Prakriti in einer latenten Form vorhanden gewesen ist. So ist Prakriti, um mit Aristoteles zu sprechen, die materielle Ursache. Da sie alle Formen, in die sie sich verwandelt, in sich birgt, ist sie die Formursache und auch Finalursache. Sie ist jedoch ruhelos dynamisch und entwickelt sich unentwegt. Diese Entwicklungslehre des Yoga nennt sich Parinamavada. Und die Lehre, dass die Welt in ihrer ganzen Vielfalt als sich entfaltende Wirkung in der Ursache, Prakriti, vorhanden ist, „satkaryavada“ (Sankhyakarikas, Vers 9).


Prakriti ist unbegreiflich und unbestimmt, avyakta - nicht manifest. Ihre drei dynamischen Bestandteile, Gunas, sind sattva, rajas und tamas (ebenda Vers 11). Sattva verkörpert die Leichtigkeit, das Licht, Freude, Frieden, das Gute, die Erkenntnis etc. Rajas dagegen die Bewegung, Aufregung, Dynamis, Aktivität, Schmerz, Trauer etc. Tamas, der dritte Bestandteil der Prakriti, verkörpert Trägheit, Schwere, Dunkelheit, Ignoranz usw. (ebenda 13). Wenn wir einen Gegenstand erkennen, geschieht das durch diese drei Bestandteile, die ihm innewohnen. Aufgrund von Sattva erkennen wir den Gegenstand und seine Eigenschaften. Sattva lässt uns den Gegenstand erkennen. Wenn dieser uns unglücklich macht oder Schmerz bereitet, so geschieht das aufgrund von Rajas. Lässt sich der Gegenstand nur teilweise und nicht in seiner Gesamtheit erkennen, so ist Tamas verantwortlich für diese Defizite in der Erkenntnis. Alles in dieser Welt besteht aus diesen drei Komponenten, die voneinander nicht trennbar sind. So sehen wir in der Welt Gegenstände, die unterschiedlich erkennbar sind, verschieden auf uns wirken, je nachdem in welchem Ausmaß sie vermischt sind und welches Guna in ihnen jeweils vorherrschend ist. Daraus schließt die Yogaphilosophie, dass auch die Urmaterie, aus der sich die Welt entwickelt hat, die drei Gunas besitzen muss.


In der nicht-manifesten Form besteht ein Gleichgewicht unter den drei Gunas. Deswegen kommt keine Entwicklung in Gang. Es ist, als ob Prakriti sich selbst erzeugen würde, ohne dass die latenten Formen manifest werden. Purusa sorgt für die Störung dieses anfänglichen Gleichgewichts, wodurch die Entwicklung der Welt, das Weltendrama, beginnt.


Obwohl Bewusstsein dem Wesen von Prakriti absolut fremd ist, verfolgt die gesamte Evolution einen ganz bestimmten Zweck: Es gilt, dem Purusa einen Erfahrungsapparat und Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. So entwickeln sich aus Prakriti als erstes der Intellekt (buddhi), worin sattva dominant ist. Aus diesem entwickeln sich das Ego (ahankara) und das Gemüt (manas). Diese drei ersten Produkte stellen gemeinsam das ‚innere Organ’ (antahkarana) des Bewusstseins dar. Der gesamte Erfahrungsapparat besteht aus dem inneren Organ und den fünf Sinnes- und den fünf Tatorganen, die sich aus dem Ego, Ahankara, entwickeln. All das wird als die primäre Entwicklung gesehen.


Der gesamte Erfahrungsapparat wird auch ‚lingasarira’, der feinstoffliche Körper, genannt, der den physischen Tod überlebt und sich immer wieder inkarniert, bis er aufgelöst ist, d. h. bis alle diese Produkte sich zurück entwickeln und ganz in der ursprünglichen Form von Prakriti aufgehen. Der Lingasarira entspricht in etwa der unsterblichen Seele der Religionen.


Diese Entwicklung von Prakriti ist als zweierlei zu verstehen: Sie ist einerseits kosmisch. An dem einen kosmischen Intellekt, Buddhi, sind, um mit Platon zu sprechen, alle individuellen Intellekte beteiligt, und so auch an dem kosmischen Ego (ahankara) alle Egos, und an dem Gemüt (manas) alle Gemüter usw.


Aus dem Ego entwickeln sich aber auch die fünf feinstofflichen Elemente, denen die fünf grobstofflichen Elemente, also Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther (Akasa) entspringen. Durch die Vermengung dieser grobstofflichen Elemente in verschiedenen Proportionen entsteht die sichtbare Welt unserer Erfahrungen -  Berge, Flüsse, Wälder, Pflanzen, Tiere und andere vorstellbare Dinge.


In dem eigentlich leblosen Intellekt, buddhi, hat sattva die Oberhand. Sattva ist die Eigenschaft von Leichtigkeit, Freude, Licht, Schwerelosigkeit und Erkenntnis. Damit ist es derjenige Bestandteil von Prakriti, der fähig ist, Purusa widerzuspiegeln. Diese Metapher, die die Yogaphilosophie hier verwendet, versucht, die eigentlich unmögliche Beziehung zwischen Bewusstsein, Purusa, und der Materie, Prakriti, darzustellen. Der Intellekt spiegelt Purusa wider, wie das Wasser in einer Schale den Mond. Der Mond scheint eine Beziehung mit dem Wasser in der Schale eingegangen zu sein, ja im Wasser zu schwimmen, obwohl er sich in Wirklichkeit unberührt vom Wasser am Himmel befindet. Eine solche Scheinbeziehung gehen Purusa und Prakriti – der bewegungslose Geist und die bewusstlose Materie – miteinander ein. So wie ein Lahmer sich auf die Schultern eines Blinden setzt und die beiden eine Reise antreten. Der Lahme, der nicht gehen kann, kann jedoch die Richtung weisen und der Blinde, der nicht sehen kann, kann gehen. Dies erklärt das gesamte Weltendrama, in dem sich die Menschen befinden (Sankhyakarika Vers 21). So gesehen hat Prakriti eine zweifache Funktion im Yoga: Zum einen erzeugt sie für Purusa den Erfahrungsapparat oder das Denkorgan, zum anderen bereitet sie ihm in Gestalt dieser Welt vielfältige Erfahrungen.


Das innere Organ, Citta, wandelt sich in allen Sinneserfahrungen und Denkprozessen in eine Vorstellung des jeweiligen Gegenstandes oder Gedanken um. Diese Veränderungen des Denkorgans heißen ‚vrittis’, Modifikationen, die das Ego ständig begleitet und in subjektive Erfahrungen verwandelt. So kommt es dazu, dass Purusa seine eigene, ursprüngliche Natur  verborgen bleibt und unkenntlich gemacht wird. Nun identifiziert sich Purusa fälschlicherweise mit Prakriti – mit dem Denkorgan, ja, mit dem fein- und grobstofflichen Körper und dessen irdischen Erfahrungen und verstrickt sich in Bindung an die Welt. So gerät Purusa in die Selbstvergessenheit. Das ist der anfangs gesuchte Grund des Leids.


 

Yoga als Erlösungsweg

Nach dieser Analyse der Wirklichkeit und der Ursache des Leids zeigen die Yoga- und Sankhya-Schulen den Weg zur Befreiung daraus auf. Hierbei empfiehlt Sankhya einen gnostischen Weg – den Weg der Erkenntnis. Der Mensch soll auf die reine Natur des Purusas – die Tatsache, dass es nicht der Körper ist und niemals eine wirkliche Bindung zu ihm haben kann – meditieren und seine ursprüngliche reine Natur zurückgewinnen. Darin liegt die Erlösung, Kaivalya, des Menschen. Erfährt das Purusa die absolute Selbsterkenntnis, so hört die Natur auf, sich weiter zu entwickeln. Sie fällt in ihren ursprünglichen Zustand zurück, da sie ihren Zweck erfüllt hat - dem Purusa Erfahrungen zu bereiten. Es ist, als ob der Vorhang auf der Bühne fallen würde, als ob der Schauspieler seine Verkleidung ablegen und in sein normales Leben zurückkehren würde.


Die Yogaschule ist dagegen eher handlungsorientiert und schlägt dem Menschen den Ashthangayoga, den achtgliedrigen Weg, zur Erlösung vor. Wer diesen Weg geht, gewinnt letzten Endes die Fähigkeit, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden.[iii]


Die acht Glieder sind 1. yama (Selbstbeherrschung), welches aus Gewaltlosigkeit, Wahrheit, nicht stehlen, Enthaltsamkeit, nichts besitzen oder ergreifen besteht, 2. niyama (auf die Grundregeln achten) besteht aus: Reinheit, Zufriedenheit, rigoroses Streben nach dem Ziel, Studium der Schriften und Hingabe an Gott, 3. asana (Körperstellungen), 4. pranayama (Atemübungen), 5. pratyahara (Abwendung der Sinne von ihren jeweiligen Gegenständen), 6. dharana (Sammlung des Geistes), 7. dhyana (Meditation) und 8. samadhi (Einheitsbewusstsein) (Yogasutras, II, 29-45). Die Ausübung des achtgliedrigen Wegs erweckt übernatürliche Kräfte, Vibhutis, in dem Aspiranten, bevor er die Erlösung erlangt. Wer zum Beispiel stets in der Wahrheit bleibt, dessen Taten führen immer zum Erfolg. Wer vollkommen auf Besitz verzichtet, der kann sich an eigene vergangene Inkarnationen erinnern (ebd. 39). Wer den Verzicht auf Diebstahl perfektioniert, dem fallen alle Reichtümer der Welt in den Schoß (wobei unter Diebstahl jeglicher unrechter Erwerb von Gütern zu verstehen ist. Man denke an das lateinische Wort privare, privates Eigentum!). Gandhi, der Patanjalis Yogasutras zum Ratgeber seines Lebens machte, erklärte einmal, er sei der reichste Bettler der Welt. Er besitze nichts, nichtsdestotrotz spendeten ihm Menschen Unmengen von Geld, wenn er es für seine Projekte brauche. Durch samyama, eine besondere Technik der Konzentration, kann der Aspirant die Gedanken anderer Menschen lesen oder unsichtbar werden. Viele Themen der aktuellen Esoterik-Szene, so auch diese Wunderkräfte, kommen in den uralten Yogasutras von Patanjali vor. Wenn das Werk Recht hat, ist deren Erlangung jedoch nicht so einfach, geschweige denn käuflich. Der Wunsch nach Geld, Besitz und Sex stellt ein großes Hindernis auf dem Weg der wahren Esoterik dar.


Yoga und Sankhya üben einen enormen Einfluss auf den Hinduismus und die Schulen der Vedanta-Philosophie aus. Sie haben die Grundtermini und Begriffe indischer Religionen und Schulen der Philosophie festgelegt, sie haben plausibel erklärt, wie die Welt zustande kommt, warum der Mensch leidet und wie der Weg, der aus seinem Leiden herausführt, geschaffen ist. Sie haben auf einer rationalen Ebene das Phänomen der Wiedergeburt, die Entstehung der Welt und den Sinn dahinter erklärt. Bei all dem erfordert das Sankhya nicht die Annahme einer Existenz Gottes. Aber auch der Yoga bleibt im Grund genommen atheistisch. Sein Iswara ist nämlich nichts als ein Überpurusa, der anderen Purusas bei der Erlösung hilft; er ist kein Schöpfergott, wie andere Religionen oder Systeme postulieren.


Der Gott des Hinduismus wird im Yoga mit dem Iswara, Überpurusa, des Yoga gleichgesetzt. So heißt Vishnu zum Beispiel Purusa oder aber auch Purushottama, der Edelste unter den Purusas bzw. Sakshi, der Zeuge oder Beobachter. Die Muttergöttin Durga wird Prakriti oder Mulaprakriti, d.h. die Urmaterie, oder Gunasraya, die Stütze der drei Gunas genannt. Überhaupt werden alle Götter als Sattvikas dargestellt, als jemand, in dem Sattva Guna vorherrschend ist; und dem entsprechend gelten die Dämonen als Wesen, in denen Tamas überwiegt.


Im Unterschied dazu wird von monistischen Hindu-Theologen eine Identität zwischen dem Überpurusa oder dem kosmischen Bewusstsein und der Prakriti, der Welt, behauptet, was mit dem Yoga nicht im Einklang steht. Das gilt vor allem für den genialen Philosoph Sankara (8. Jh.), der darauf seine Philosophie, das Advaita-Vedanta, begründet. Ihm zufolge sind die individuellen Seelen, Gott und die Welt identisch. Aufgrund von Maya und Avidya oder Illusion und Ignoranz nehmen wir einen Unterschied zwischen diesen wahr. Wenn die Seele des Menschen diese Ignoranz überwindet, findet Erlösung statt.


Dass sich die heilige Schrift Bhagavadgita mit dem Yoga auseinandersetzt, ist beachtenswert. Dieser ‚Gesang des Erhabenen’ beginnt mit der Trauer Arjunas (eines der Pandava-Helden) angesichts des Bruderkrieges. Gott Krishna, der Arjunas Wagenlenker ist, weiht ihn noch auf dem Schlachtfeld allem voran in die Yogaphilosophie ein, um ihm die Ursache der Trauer zu erläutern. Erst dann (in den darauffolgenden Abschnitten) stellt er die verschiedenen anderen Arten von Yoga wie den Bhakti- und Karmayoga dar. Krishnas Darstellung steht jedoch unter dem Einfluss der Upanishaden. Daher weicht sie von der Grunderkenntnis von Patanjalis Yoga (Purasa und Prakriti sind zwei ewige unabhängige Gegebenheiten) ab. So begegnet man in der Bhagavadgita Stellen, wo Purusa mit Gott gleichgesetzt und Prakriti als ein Aspekt Gottes betrachtet wird. Ansonsten werden hier Yoga und Sankhya ausführlich und sehr verständlich erklärt: Krishna empfiehlt Arjuna, auf dem festen Boden des Yogas zu stehen und nur so im Leben zu handeln. Das innere Gleichgewicht im Erfolg und im Misserfolg aufrecht zu erhalten, nenne man Yoga. So definiert Krishna  den Yoga (Bhagavadgita 2. 48). Dank dieser Ausführungen in der Bhagavadgita fand Yoga-Philosophie eine große Anhängerschaft in der indischen Gesellschaft. So kann man behaupten, dass Gott Krishna genauso wichtig für die Verbreitung von Yogaphilosophie ist, wie der Kaiser Ashoka für die des Buddhismus.

 

Literatur:

Dvivedi, Patanjalis Yogasutras, Delhi 1992

Swami Virupakshananda, Sankhyakarikas of Isvarakrishna, Madras 1995

Swami Nirvikalpananda, Srimadbhagavadgita, Madras 1944

Swami Vevekananda, The complete works, Vol. VIII, Calcutta 1977

Dasgupta, Surendranath, A study of Patanjali, Delhi etc. 1989

Hiriyanna, M., Essentials of Indian Philosophy, Bombay 1978

Radhakrishnan, S., Indian Philosophy, Vol. II Bombay etc. 1996

-, The Principal Upanisads, Bombay etc.1990


Über den Autor:

Der Autor wurde 1956 in Nellore/A.P., Indien in einer Gelehrtenfamilie geboren und studierte in Hyderabad Sanskrit-Literatur, englische Literatur und Geschichte. 1995 promovierte er in westlicher Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er lebt als freier Autor und Dozent in der Nähe von München. Zu seinen Veröffentlichungen zählen, neben Romanen: Krishnamurti: Leben und Werk, Diederichs 1997; Mahatma Gandhi: Leben und Werk, Diederichs 1999; Hinduismus: Die große Religion Indiens, Diederichs 2000; Hinduismus, Diederichs Kompakt 2002; Mensch sucht Sinn, Gabriel Verlag 2004; Der Kamasutra-Ratgeber: Sex, Lust und die Kunst der Verführung, Atmosphären Verlag 2004; Heiliger Sex: Die erotische Welt des Hinduismus, Eugen Diederichs Verlag, 2009.

Homepage: http://www.gunturu.de/





[i] Radhakrishnan, S., S. 254

[ii] Dasgupta, Surendranath, S. 238

[iii] Yogasutras, II, 28.