Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (2) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2011, 1 (2)



Über die Gurus, bei denen alles einfach ist

E. W. Harnack

 

 

 

Wie sehr sehnt sich der Mensch nach dem Einfachen. Er will es sich einfach machen mit dem Haushalt, also besorgt er sich technische Geräte oder eine Putzhilfe. Er will es sich einfach machen mit dem Glück, also kauft er das Glück, das es zu kaufen gibt. Er will es sich einfach machen mit der Transzendenz, also sucht er nach Antworten, die seinen Geist nicht überfordern. Glücklicherweise gibt es Gurus, bei denen alles einfach ist. Wenn man sie etwas fragt, wissen sie immer eine eindeutige Antwort. Wie transzendent das Thema auch sein mag: Sie wissen immer eine eindeutige Antwort. „Verlässt die Seele nach dem Tod den Körper?“ – „Komm her, ich erkläre es dir, das ist nämlich so und so!“. „Wie ist das Verhältnis von Karma und Meditation, von Handeln und Einsicht, von Ethik und anderen Bewusstseinszuständen?“ – „Karma, Ethik, Handeln – das ist alles unwichtig! Wenn du nur genügend meditierst, wird dein Karma von alleine besser!“. „Muss man sich von allen äußeren Sinnesreizen zurückziehen und sich kontemplativ in sich vertiefen, um spirituell zu wachsen?“ – „Natürlich muss man das, es gibt keinen anderen Weg!“. „Gibt es einen Gott und hilft er mir spirituell voranzukommen?“ – „Gott? Wieso redest du von Gott? Wer sich wirklich auf dem Weg befindet, spricht vom großen Erwachen, mein Lieber!“.

 

Die Gurus, bei denen alles einfach ist, sind sehr hoch entwickelte Menschen. Denn das müssen Sie wohl sein, wenn ihnen die Wahrheiten so leicht von der Hand gehen! Müssen sie nicht alles, was sie sagen, aus allererster Hand wissen, wie der Buddha, wie Jesus, wie die höchsten Hindu-Heiligen, die mit beiden Beinen in dieser Welt standen, aber mit dem Kopf in die andere Welt hineinreichten? Ja, wer mit Eindeutigkeit spricht, muss alle Wahrheit kennen, nicht weil er sie gehört hat, nicht weil er sie erdacht hat, nicht weil er sie als wahr vermutet, sondern weil er sie in sich als wahr erkennt. Sonst machte doch seine Sicherheit keinen Sinn. Sonst wäre seine Sicherheit ja eine Lüge für sich, die sich auf die andere Lüge, er wisse, wie es sich verhalte, draufsetzt. Wer von Euch weiß sicher, dass die Erde die Sonne umkreist? Habt Ihr es selbst erfahren? Und wenn Ihr es mit eigenen Augen sehen könntet: Wüsstet Ihr, dass Euch Eure Sinne nicht täuschen? Wer sich einer Sache sicher ist, so sollten wir wohl meinen, sollte sich zuallererst der einen Sache sicher sein, woher nämlich seine Sicherheit stammt. Nur wer die Quelle seiner Sicherheit sicher zu benennen vermag, mag sich selbst seiner Sicherheit sicher sein. Glaube ich an die schöne Reinkarnationstheorie meines Gurus, weil er sie so trefflich vermitteln konnte und mein Guru ein so reizender Kerl ist? Oder glaube ich daran, weil ich selbst die Kette meiner Reinkarnationen durchschaue? Oder weil ein Reinkarnationstherapeut mir in Hypnose suggeriert hat, die Bilder, die in meinem Inneren aufsteigen, stammten aus einem vergangenen Leben? Oder glaube ich daran, weil ich lange nachgedacht habe und finde, dass Reinkarnation vernunftgemäß besser zu allen Lebensäußerungen passt als jede andere Theorie? Und wenn ich dann diese Überzeugung in mir gewonnen habe, was ist das für eine Überzeugung? Ist es eine Überzeugung von der Art „Jetzt kenne ich die Wahrheit“ oder von der Art „Könnte schon sein“?

 

Wenn ich ein Guru werden will, ist es ganz klar, welche Art von Überzeugung ich brauche. Es ist die Überzeugung „Jetzt kenne ich die ganze Wahrheit“. Denn nur wenn ich diesen Schritt über die Brücke gehe von der Vermutung zur Sicherheit, kann ich andere mit der Inbrunst meiner Sicherheit überzeugen. Rede ich unsicher in der Form „Na ja, vielleicht ist es so, aber sicher kann man sich da ja nie sein“, wird mir keiner zuhören. Will ich ein ordentlicher Guru sein, muss ich aus dem Unsicheren Sicheres machen. Sicher wird alles, wenn ich die sichere Erkenntnis der Quelle meiner Erkenntnis wegwische und mir nicht mehr bewusst mache, dass alles, was ich weiß, nur auf der vermeintlichen Sicherheit meines eigenen Gurus beruht, der sein Wissen wiederum nur auf die vermeintliche Sicherheit seines Gurus gründet und so fort. Vergesse ich die Unsicherheit meines eigenen Wissens, dann kann ich selbst zum Guru für andere werden und die Kette der einfachen Wahrheit fortsetzen. Dann kann ich ungeniert behaupten, ich wüsste aus eigener Kraft, was mir nur deshalb so vorkommt, weil ich die historische Kette von Etwas-Hören, Zweifeln, Überdenken, Meinen, Glauben, Überzeugt-Sein und Sicher-zu-wissen-Meinen längst vergessen habe.

 

Weil sie alles eindeutig formulieren können, haben die Gurus, für die alles einfach ist, Anhänger, die alles einfach mögen: So ist das und nicht anders! Es gibt einen Himmel, aus dem die Bösen für immer ausgeschlossen bleiben. Allah wird die Ungläubigen richten – und wir tun ihnen nur einen Gefallen, wenn wir Gottes schrecklicher Rache zuvorkommen und uns in einer Synagoge in die Luft sprengen. Gott hat nicht gewollt, dass Männer Männer und Frauen Frauen lieben, dass Affen zu Menschen evolvieren oder alle Amerikaner eine Krankenversicherung haben. Hätte er die gewollt, hätte er sie selbst eingeführt. Und in der Bibel, im Koran, im Buch Mormon steht auch nichts davon. Gurus, die einfache Wahrheiten mit der Sicherheit der Ignoranz verkünden, gibt es überall. Ignoranz kommt von ignoro, „ich weiß nicht“, und was ich nicht weiß, ist die Quelle meiner Überzeugung, die ich verdrängt habe, um aus der überall lauernden Unsicherheit Sicherheit zu machen. Die Schwestern und Brüder von der simplen Ignoranz wissen einfache Dinge, die zu wissen so kompliziert ist, dass es nicht möglich, nicht denkbar ist, eine einfache Botschaft daraus zu machen.

 

Denn die spirituelle Welt ist nicht einfach, sie ist zweifach oder dreifach, vielfach, aber niemals einfach. Oft sind zwei Dinge zugleich wahr. Oder drei. Als einmal zwei zerstrittene Geschäftspartner zu Mullah Nasreddin kamen, um sein Urteil als Friedensrichter einzuholen, hörte er erst den einen schweigend an. Nach einer Weile unterbrach er ihn und sagte: „Ja, du hast recht“. „Aber Mullah, du hast mich ja noch gar nicht angehört“ beschwerte sich der andere und legte ebenfalls los. Nach einer Weile unterbrach ihn der Mullah und sagte: „Du hast auch recht. Damit ist der Fall geschlossen“. Des Mullahs Frau, die sich im Hintergrund aufhielt, stürzte hervor und flüsterte ihm ins Ohr: „Aber Nasreddin, Du kannst doch nicht beiden Recht geben!“. Der Mullah schaute sie nachdenklich an und sagte: „Und du hast auch recht!“.

 

Die Welt ist voller Widersprüche, die nur gemeinsam das Ganze der Wahrheit bilden, die nur als Yin und Yang zum ganzen Tao sich vereinen. Wie kann es sein, dass die einheimischen, alten Religionen in Indien, Nepal, Vietnam, China, Japan und sonst wo auf der Welt das Fortleben der Seele nach dem Tode lehren, dass Menschen dort ihren Ahnen Opfer darbringen und dieselben Menschen der buddhistischen oder hinduistischen Lehre der Reinkarnation anhängen. Nun es kann sein, weil die Welt nicht einfach ist. Kann es sein, dass jemand verrückt, also modern gesprochen: psychotisch, und heilig zu gleich ist? Oder wählt der heilige Narr (Ramakrishna, Drugpa Kuenleg, Franz von Assisi) seine soziale Abweichung bewusst im Unterschied zum Psychotiker? Ist dann aber klar, dass die Grenze in anderen Fällen eindeutig gezogen ist? Und kann es sein, dass jemand als hinduistischer Gelehrter brilliert und als Meister-Yogi großartige Dinge mit seinem Geist zu vollbringen vermag und dennoch angesichts der Schönheit des weiblichen Körpers die Contenance verliert und seine Mönchsgelübde bricht (de mortuis nihil nisi bene – nur die Anhänger Swami Ramas mögen wissen, wen ich meine). Kann es sein, dass Trunksucht und das Sammeln von Reichtümern nur Wege sind, die Gottheit selbst im Laster zu finden, wie der Tantra behauptet (Chögyam Trungpa; Chandra Mohan Jain, genannt Osho)? Die Welt ist nicht einfach und die Welt des Spirituellen kann es erst recht nicht sein.

 

Wenn wir überhaupt irgendetwas über die Welt des Spirituellen lernen wollen, müssen wir lernen, komplex statt einfach und in Widersprüchen statt in logischer Eingleisigkeit zu denken. Deshalb verlangt der Zen, dass wir uns vorstellen, wir klatschten mit einer Hand. Die Aristotelische Gewissheit, dass etwas nicht zugleich A und nicht-A sein kann verlangt der Präzisierung: Etwas kann nicht zugleich in ein und derselben Hinsicht A und nicht-A sein (jedenfalls solange wir mit dem Verstand denken und nicht – wie Cusanus sagt – mit der Vernunft, in der die Gegensätze zusammenfallen). Jemand kann in einer Hinsicht ein Schurke und in einer anderen Hinsicht ein Heiliger sein. Gott kann barmherzig sein und zugleich alle seine Feinde töten, so sieht es der Koran. Logische Widersprüche gehören zum Wesen der echten Religion, weil das Spirituelle nicht einfach ist. Widersprüche der Bibel mögen den postaufklärerischen Verstandesmenschen stören (und zuweilen sind sie einfach, nämlich historisch-textkritisch aufzulösen), aber für denjenigen, der die Komplexität diesseits oder jenseits erahnt, kann es kein widerspruchsfreies Reden über das Göttliche geben. Gott ist die blutrünstige Durga Kali, die beim nächsten Tsunami, beim nächsten Atomunfall mal wieder (angeblich) unschuldige Kinder, Männer und Frauen verschlingt. Er ist zugleich der liebliche Krishna, der den Asketen, die ihn als Rama verehren, zum Lohn erlaubt, sich von ihm in reinkarnierter Form als Jungfrauen geschlechtlich beglücken zu lassen. Gott ist vielfältig. Der Mensch ist einfältig. Deshalb braucht er die einfachen Wahrheiten einfacher Gurus, die für einfache Menschen Eindeutiges predigen.

 

„Wer leichter glaubt, wird schwerer klug“ lautet der wundervolle Titel eines Buches des Physikers Martin Urban über den pseudoesoterischen oder kirchendogmatischen Un-Glauben der Zeitgenossen. Leider fällt der Inhalt selbst wiederum unter das Verdikt des Titels, denn Urban glaubt, einfach und eindeutig beurteilen zu können, was Mythos und Aberglaube und was Wissen und echter Glaube ist. Und doch - so einfach ist es mit dem Urteil auch über Urbans Buch nicht getan: Vielleicht ist es doch zu vielschichtig, um über ihm so einfach den Stab zu brechen. Und vielleicht ist dieser Aufsatz selbst der Versuch, die Gurus von der einfachen Wahrheit einfacher zu sehen als sie es sind. Die eigene Überzeugung, dass die Welt komplex ist und deshalb komplexe Einsichten erfordert, trifft ja nur dort zu, wo dies so ist, während es an manchen Stellen einfach sein mag und einfache Antworten einfach richtiger sind als komplizierte. Das ist sicherlich insbesondere da wahr, wo nicht eine Aussage über das Absolute und Transzendente in seiner Unbegrenztheit und deshalb alles einschließenden Dualität-Nondualität, sondern über einen ausgegrenzten Bereich des Absoluten gemacht wird: Für Herrn X. ist es wahr, dass seine Großmutter ihn nachts aufsucht, für Herrn X. besitzt die Theorie des spiritistischen Fortlebens der Toten ihre volle Gültigkeit. Für Frau Y. ist es wahrer, dass sie wiedergeboren wurde, weil sie als Kind genau um ihre früheren Lebensumstände wusste. Warum sollen nicht beide Recht haben? Und warum soll es dem Göttlichen nicht möglich sein, Reinkarnation und spiritistische Postexistenz zugleich (sogar in ein und derselben Seele) zu ermöglichen. Wieso soll nicht die Welt des Spirituellen ebenso differenzierbar sein wie die Welt des Psychischen, die Möglichkeiten des Fortlebens nach dem Tod ebenso vielfältig wie die Möglichkeiten, mit dem Tod umzugehen? Mag nicht der einfache Rat an den Psychotherapieklienten „Sie müssen um diesen Verlust trauern“ im einen Fall richtig und im anderen verkehrt sein?

 

Die Komplexität der Welt schließt also die Möglichkeit der Einfachheit im Einzelfall ebenso ein. In jedem Fall aber gelangen wir zur Einsicht über das, was ist, nur durch den dialektischen Prozess der Pendelbewegung vom einen zum anderen. Wer sich vor der Dialektik scheut, scheut sich vor der Komplexität, dem geistigen Auspendeln der Wahrheit. Deshalb sind und bleiben mir die Gurus von der einfachen Wahrheit suspekt. Sie haben eine bodenlose Angst vor dem Widerspruch. Deshalb wagt es keiner, ihnen zu widersprechen. Und nur wer dieselbe Grundangst teilt, wird sich bei ihnen gut aufgehoben fühlen. Alle anderen müssen den breiten Weg durch den Dschungel ohne feste Pfade erst selbst schlagen, die Schneise, die entsteht durch die Pendelbewegung der Machete des Geistes, der vierfachen Dialektik von Gültigem, Ebenfalls-Gültigem, Ungültigem und Beinahe-Gültigem. Spiritualität ist das Gegenteil der gepflasterten Straße des Dogmas. Sie ist das Gegenteil und somit zugleich, weil die Gegensätze sich im Kreisschluss wieder berühren, ein Pfad, der über das Dogma oder quer zum Dogma oder mäandernd das Dogma berührend sich selbst schafft. Deshalb ist Spiritualität kein Gegensatz zur Religion und doch ihr größter Gegensatz: Gegensatz dort, wo Religion am Dogma festhält, kein Gegensatz, wo Religion das Dogma (das ist die Meinung der Gemeinde) bietet, um es zu nutzen oder zu verlassen.

 

Ich mag die heiligen Simplicissimi, die Schwestern und Brüder von der strikten Ignoranz nicht leiden. Aber ich mag damit unrecht haben, wenn es darum geht, Menschen etwas Eindeutiges zu sagen statt sie in Uneindeutigkeit sitzen zu lassen, wo es darum geht, eine Meinung klar zu vertreten statt undeutlich. Eure Rede sei ein Ja, Ja und ein Nein, Nein, kein Jein und Vielleicht. Wer die Wahrheit in sich spürt, möge sie aussprechen. Aber er oder sie muss wissen, ob es die Wahrheit ist, die er oder sie in sich spürt, weil er oder sie sich mit dem Kern des Wahren im eigenen Inneren verbindet oder weil er oder sie die Meinung hypostasiert, die er oder sie nur für wahr hält. Wahrheit kann man spüren. Sie ist ein Gefühlserlebnis der intuitiven Stimmigkeit, der Richtigkeit und Gewissheit – vergleichbar dem Schleiermacherschen Gottesgefühl. Aber um ihre Quelle muss ich wissen, selbstkritisch und reflexiv. Wenn ich um die Wahrheit der Quelle meiner Wahrheit weiß und sie als wahrhaftig benennen kann, dann kann ich nicht nur, dann muss ich diese Wahrheit aussprechen. „Wer wahrhaftig ist, der sagt frei, was recht ist“ (Sprüche 12, 17); er sagt es frei, weil Wahrheit befreit. Wer sich der Wahrheit nicht sicher ist, kann nicht frei und ungezwungen von ihr sprechen. Seine Falschheit ist spürbar, sie legt sich wie ein Schleier zwischen seine Worte und ihn selbst. Er sollte wahrhaftig sagen, wie unsicher er sich der Wahrheit ist, die er vielleicht zumindest spürt, damit er nicht auch noch die Lüge der Sicherheit hinzufügt. Dann ist er kein einfacher Guru, aber ein authentischer Mensch, der in seiner Unsicherheit echt ist und in seiner Wahrheit Sicherheit bekommt, je freier er wird, diese auszusprechen.

 

Über den Autor:

E. W. Harnack ist Diplom-Psychologe/Psychotherapeut; schreibt und arbeitet in freier Berufsausübung in Berlin.