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Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (1) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 1 (1), 2011



Der Spirituality Check:

     Was ist eigentlich…

…Spiritualität?

 E. W. Harnack

 

 

In einer Gesellschaft, in der die religiöse Praxis nicht mehr von großen kirchlichen Institutionen kontrolliert wird, die mit weltlicher Macht ausgestattet sind, um dem „Laien“ religiöse Inhalte verbindlich vorzuschreiben, kann die Vielfalt zum Problem werden. Wer kein Experte ist, braucht oft kompetente Führer, um seriöse Angebote von Scharlatanen und gefährlichen Verführern unterscheiden zu können. Eine objektive Beurteilung dessen, was seriöse Spiritualität sein kann und was nicht, ist schwer zu finden, weil die meisten Experten selbst eine bestimmte weltanschauliche Position vertreten. Mit der Reihe Spirituality Check wollen wir aus der Perspektive einer transzendentalen Religionswissenschaft beleuchten, was seriöse von unseriösen Verwendungen spiritueller Begrifflichkeiten unterscheidet. Dabei wird jeweils ein Begriff in seiner Etymologie, seiner theoretischen Heimat, seiner praktischen Anwendung, seinem heutigen Vorkommen vorgestellt und im Hinblick auf seine seriösen Verwendungsmöglichkeiten diskutiert.

 

Woher stammt der Begriff?

Der Begriff Spiritualität macht genau genommen nur innerhalb der christlichen oder – für die heutige Situation gesprochen – innerhalb der vom Christentum vorgeprägten, aber ihm entfremdeten postaufklärerischen Kultur des Westens Sinn. Der Terminus „Spiritualität“ leitet sich von lateinisch spiritus ab, dessen sprachgeschichtliche Entwicklung selbst eine „Spiritualisierung“ beinhaltet: War damit doch zuerst der Lufthauch angesprochen, der dann mit dem Atem und darüber hinaus dem Lebenshauch, der Lebenskraft selbst gleichgesetzt wurde, und weiter sublimiert zum Geist als dem höchsten Seelenteil wurde, schließlich in den lateinischen Bibelübersetzungen auch zum Heiligen Geist, dem spiritus sanctus, einer der drei Personen der Gottheit. Spirituell (als Adjektiv, spiritualis) ist im Neuen Testament (1. Korintherbrief) das, was den Menschen als Geistwesen von seinem körperlichen Teil (carnalis) und von den tierischen Trieben (animalis) abgrenzt. Die dadurch vorgegebene Verwendung des Begriffs trägt sich durch das gesamte Mittelalter fort: bei Thomas von Aquin als dem wichtigsten mittelalterlichen Theologen wird spiritualitas von carnalitas (Fleischlichkeit) abgegrenzt und damit Spiritualität in den Bereich der Askese, der Entsagung des Weltlichen gestellt. Im 12. Jahrhundert schreibt Rimbaud de Liège: „Wenn wir also das, was Gottes ist, sehen wollen, ist es erforderlich, dass wir das Animalische ablegen und das Spirituelle annehmen“ (in Solignac 1990, 1145; Übers. d. Verf.).

 

Gerade an letzterem Zitat wird deutlich: Spiritualität ist in der Tradition, aus der der Begriff stammt, synonym mit dem Streben des Menschen zu Gott, mit der Bemühung um das Erreichen von Transzendenz, der Andersweltlichkeit. Der Begriff Spiritualität ist in der abendländischen Religionsgeschichte deshalb teilweise verknüpft mit der mystischen und monastischen Tradition, weshalb es eben nicht verwundert, dass der katholische Jesuitenorden der Herausgeber der monumentalen Enzyklopädie christlicher Spiritualität, des Dictionnaire de spiritualité ist. Andererseits bezeichnet Spiritualität, im Unterschied zum Begriff Kontemplation, eben nicht allein die nach innen gekehrte, introspektive Form der Transzendenzsuche, sondern – so betont eine Reihe von Autoren, die im Dictionnaire zitiert werden (Solignac 1990, 1142ff.) – eher die Umbildung des gesamten Lebens und des gesamten Menschen, des sozialen, körperlichen, intellektuellen und emotionalen Menschseins auf Transzendenz hin, ist also eine ganzheitlich auf die Erfahrung des Göttlichen ausgerichtete Haltung.

 

Wie wird der Begriff Spiritualität heute verwendet?

Wenn aber heute von Spiritualität gesprochen wird, so geschieht dies meist in anderen Abgrenzungen: einmal in Abgrenzung zu Materialismus und materieller Realität, dann aber auch in der Binnendifferenzierung innerhalb des so ausgesonderten sakralen Bereichs als abgegrenzt von Religiosität. Religiosität erscheint dabei als Begriff für eine Orientierung an den vorgegebenen religiösen Formen und Kulten, Spiritualität als der Versuch, selbst und persönlich Transzendenz zu erfahren und in Privatheit zu leben. Dieses Leben schließt aber dann stets eigenes Wachstum mit ein, eine Veränderung dessen, was im Individuum vorhanden ist, auf etwas anderes hin, was dem Göttlichen näher ist. Spiritualität ist ja schon mittelalterlich nicht denkbar ohne das Anliegen der Transformation des weltlichen Menschen in seine andere, spirituelle Natur hinein, wie die christliche kontemplative Tradition seit den Wüstenvätern ebenso betont wie alle fernöstlichen meditativen Traditionen. Dies gilt selbst dort, wo – wie in vielen christlichen Theologien – der göttlichen Förderung dieser Transformation vor der Eigeninitiative des Menschen der Vorrang eingeräumt wird.

 

Eine daraus resultierende stärkere Scheidewand wird dort eingezogen, wo Spiritualität nicht nur zu Religiosität, sondern zu Religion überhaupt abgegrenzt wird. Eine dadurch bedingte doppelte Abgrenzung zu Religion einerseits, zu Materialismus andererseits ist typischerweise nur hier und heute möglich, während in Indien und vielen Teilen der Welt noch heute wie einst im abendländischen Mittelalter eine Unterscheidung zwischen materieller und geistiger Welt, zwischen Religion[1] und eigener inwendiger Praxis gar nicht sinnvoll möglich ist. Bei uns jedoch wird Spiritualität in Abgrenzung zu Religiosität qua Religion meist als die private, individuelle Form des Kontaktes zu einer transzendenten Realität angesehen, während Religiosität dann dasselbe wäre, wenn es eingebettet in den institutionellen Rahmen einer Gemeinschaft geschieht. Dem steht jedoch ein gewichtiger Einwand entgegen. Während es der Spiritualität keinen Abbruch tut, sie alleine und außerhalb der religiösen Gemeinschaft zu praktizieren (man denke an die Einsiedler aller Kulturen), scheint die grundsätzliche Abgrenzung zur Religion als theoretischem und methodischem System hingegen nicht sinnvoll. Denn alle Formen und Methoden der Suche nach der Verbindung zum Transzendenten stammen aus dem Kontext der religiösen Traditionen der Menschheit oder münden wieder in diese, weil Religionen – neben ihren unerwünschten machtpolitischen und narzisstischen Nebenfunktionen – einfach der in der Menschheitsgeschichte vorgesehene Ort für die Tradierung solcher Formen und Methoden sind. Selbst außerhalb aller Tradition stehende spirituelle Hochbegabungen (wie es die Zeitgenossen Eckhart Tolle oder Eileen Caddy in den Augen vieler ihrer Rezipienten sind) lassen sich zumindest ex post facto wieder partiell in das zurückführen, was bestimmte religiöse Traditionen an Wissen überliefern, teilweise lassen sie sich als Erneuerer dieser Traditionen begreifen. Zudem wird es immer nur wenige spirituelle Autodidakten geben, die ihre Spiritualität aus sich heraus zu schöpfen vermögen (manche behaupten gar, es gäbe solche gar nicht). In fast allen Fällen aber benötigen spirituelle Sucher die Weisheit anderer Menschen, denen sie sich zumindest am Anfang des Weges anvertrauen können. Diese Weisheit nicht in den Religionen suchen zu wollen, bedeutet, sie andernorts suchen zu müssen, wo keine Religion ist.

 

Damit läuft der Begriff Spiritualität jedoch Gefahr, nicht mehr unterscheidbar zu sein von anderen Sinn schaffenden „Mehrwertangeboten“. Wenn Spiritualität als Begriff ein spezifisches Profil behalten soll, muss er von Ausdrücken wie „Selbstverwirklichung“, „Wohlbefinden“, „Erfolg“ und auch „Glücklichsein“ irgendwie unterschieden bleiben. Damit tritt die andere Abgrenzung stärker in den Vordergrund, jene, in der Spiritualität sich als Gegensatz zu Materialismus darstellt (wie einst als Gegensatz zur Carnalitas, Fleischlichkeit). Dann nämlich sehen wir, dass Spiritualität als Begriff nur Sinn macht, solange er die Transzendenzdimension des Menschen beinhaltet, also seine Fähigkeit, in eine andere, nicht-materielle Welt hineinzureichen. Wenn wir diese andere Wirklichkeit, diese Transzendenz nicht anerkennen, macht es keinen Sinn von Spiritualität (und nicht einfach von „Selbstverwirklichung“) zu reden.

 

Dabei besteht kein Unterschied, ob die Trennung zwischen diesseitig erlebbarer, materieller Wirklichkeit und jenseitiger, nur „anders“ (in der mystischen Erfahrung, in der Erleuchtung etc.) wahrnehmbarer Welt im zweiten Schritt der Reflexion wieder aufgehoben wird. So würden beispielsweise viele buddhistische Schulen oder der indische Advaita Vedanta nicht die Existenz von zwei Welten betonen, sondern darauf hinweisen, dass letztlich die eine Welt und die andere eins sind. Dennoch setzen sie eine vorhergehende Trennung in zwei Weltbereiche entweder implizit voraus, indem sie beispielsweise sagen, beide Welten (!) seien letztlich eins; oder sie unterscheiden klar zwischen der Sichtweise eines erleuchteten und eines unerleuchteten Wesens (und nur für ersteres sind beide Welten identisch!). Deshalb können wir in jedem Fall daran festhalten, dass es eben gerade die Annahme des Überweltlichen ist, die Spiritualität von jeder anderen Form der Weltsicht unterscheidet, auch nachdem wir den Begriff auf andere als christliche Transzendenzsuchen ausgedehnt haben.

 

Was unterscheidet seriöse von unseriöser Spiritualität?

Seriöse Spiritualität können wir von unseriöser nicht einfach dadurch unterscheiden, dass die eine innerhalb der Hochreligionen – oder gar innerhalb des kirchlichen Christentums – stattfindet und die andere außerhalb (oder umgekehrt gedacht: eben daran, dass echte Spiritualität sich nicht in Religion einpasst). Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass es einen engen, nicht zufälligen Zusammenhang zwischen Transzendenz und Religion gibt, weil echte Spiritualität nach Transzendenz strebt und echte Religion den dafür notwendigen Traditionsstrang an Menschheitswissen konserviert. Religion ist also für spirituelle Praxis unentbehrlich, ohne dass damit etwas darüber gesagt sei, welche Religion oder auch nur welcher Institutionalisierungsgrad von Religion damit gemeint ist. Auch eine wenig institutionalisierte Religion wie das Neuheidentum besitzt Tradition, während eine lose Bewegung wie das New Age dazu in der Lage sein könnte, Religion zu werden in dem Sinne, dass sie möglicherweise bereits dabei ist, eigene Traditionsstränge (wenn auch nicht eine feste Institutionalisierung) zu entwickeln (vgl. Hanegraaf 1998). Das aber braucht Zeit: Je sicherer und länger etwas erprobt, reflektiert und für gut befunden wurde, um so wertvoller kann man es nennen; das gilt gerade für spirituelle Formen und Methoden.

 

Spiritualität ist aber nur echt, wenn sie auch im Alltag wirklich gelebt wird. Wenn es – im Sinne echter Transzendenzsehnsucht, die Spiritualität wesentlich ist – genau darum geht, ob eine Entscheidung des Alltags uns der Gottheit näher bringt oder nicht, so finden wir dafür in echten spirituellen Systemen einen Orientierungsrahmen. Bei Angeboten, die weltliche Egozentrik bedienen und von religiöser Tradition losgelöst sind, finden wir hingegen gar keine echten Orientierungssysteme oder solche, die nicht fragen, was für unsere spirituelle, sondern für unsere egoistische Existenz das beste ist. Spiritualität darf umgekehrt nicht denjenigen Teil des religiösen Weltwissens außer Acht lassen, der in ethischen Geboten Anleitung zum ganzheitlichen spirituellen Leben auch in menschlicher und globaler (Tiere, Pflanzen, Technik einschließender) Gemeinschaft bereithält (auch wenn diese Anleitung zuweilen noch in den primitiv-rigiden Vorgaben formuliert ist, die für den unemanzipierten Geist präpubertärer Kulturen geschaffen wurden). „Spiritualität“, die anderen Wesen Schaden zufügt, die Egoismus, Krieg, Umweltzerstörung oder Selbstüberhöhung fördert, kann kaum als solche gelten, weil sie den in sämtlichen religiösen Weisheitstraditionen der Menschheit ausgesagten Zusammenhängen zwischen dem (höchsten) Göttlichen und einer liebevollen, harmonischen Gesinnung widerspricht.

 

Spiritualität, die nicht primär die Beziehung des Einzelnen zu einer jenseitigen Macht (Numinosum), seine Erleuchtung oder seine kontinuierliche Transformation zur je größeren Nähe zum Göttlichen hin fördert, ist nicht echt, weil sie nicht Transzendenz im Fokus hat. Von dem buddhistischen Lehrer und Psychologen Chögyam Trungpa stammt der Ausdruck „spiritueller Materialismus“ – ein vielschichtiger Begriff, der eine Haltung meint, bei der spirituelle Angebote wie materielle Konsumgüter zur Maximierung irdischen Glücks gekauft bzw. veräußert werden. „Sinnstiftende Produkte“, die Transzendenz nur zum Mittel für Irdisches machen und nicht zum Zweck an sich, stellen in jedem Fall Perversionen des Begriffs Spiritualität dar. Während andererseits Spiritualität sich auch im Leben hier und jetzt als wirklich (wirksam) erweisen muss, können jeder religiösen Konformität widersprechende „heilige Narren“ (etwa der tibetische Nationalheilige Drugpa Künleg, der Inder Ramakrishna, der Mullah Nasrudin, der frühchristliche Typus des Salós und vielleicht auch umstrittene Persönlichkeiten wie „Osho“) durchaus echte Spiritualität repräsentieren. Statt der oberflächlichen ist also eine sorgfältige und hintergründige Prüfung ihrer Nähe zum Transzendenten der einzig verlässliche Maßstab für spirituelle Lehren und Lehrer.

 

 

Zusammenfassend scheint sich echte Spiritualität nach dem bisher Gesagten in vier Kriterien abzubilden:

1)      Echte Spiritualität zielt auf eine transzendentale Wahrheit und Wirklichkeit in persönlicher Erfahrung ab, nicht auf bloß innerweltliche Vorteile und nicht auf die bloße Berufung auf Dogmen oder Thesen angeblicher Meister.

2)      Echte Spiritualität widerspricht nicht der gemeinsamen ethischen Basis aller großen Weltreligionen.

3)      Echte Spiritualität ist – auch wo sie fröhlich, ekstatisch, närrisch oder ganz in der Welt stehend ist – auf ein ernsthaftes, ganzheitlich die gesamte Lebenspraxis einer Person einschließendes und auf persönliche Transformation zielendes Streben zum Transzendenten hin ausgelegt.

4)      Echte Spiritualität besitzt immer eine klare Verbindung zu einer oder mehreren religiösen Traditionslinien, sei es, dass sie diesen entstammt oder Teil dieser Linien ist oder mit ihnen zumindest in Einklang gebracht werden kann. Das schließt nicht aus, dass sie Neuerung oder Weiterführung des Bekannten sein kann.

 

Literatur:

Hanegraaf, Wouter J. (1998): New Age religion and Western Culture: esotericism in the mirror of secular thought. New York: State University of New York Press.

Solignac, Aimé (1990): Spiritualité – le mot. In Dictionnaire de spiritualité. Bd. 14, 1142ff. Paris: Beauchesne

 




[1] Wir verwenden den Begriff Religion also hier weder im Sinne Schleiermachers/Ottos/ James’ als Urphänomen des Menschseins noch im Sinne des oft kritisierten Exports des monotheistischen Religionsbegriffs auf andere Kulturen, sondern einfach im Sinne von: Traditionsstrang transzendentalen Wissens.